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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 187

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Dem Andenken Moses Mendelssohns
Date
1929-01-01
Page
Seite 187 (sequence 11)
Language
German
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau Professor Dr. Elbogen: Meine Damen, meine Herren! Die Verwurzelungdes großen Mannes im heimatlichen Boden, das ist der Anlaß und der tiefere Sinn unserer heutigen Feier. Zwar hat Moses Mendelssohn nur seine Jugendjahre in Dessau verlebt und seinen Ruhm in Berlin begründet, aber hier in Dessau lagen die Wurzeln seiner Kraft und seiner Eigenart. Man kann wohl sagen, daß die Bedingungen für den Aufstieg eines jungen Juden damals nirgends in Deutschland günstiger lagen als in dieser Residenz, wo unter dem Schutze eines aufgeklärten Fürstenhauses allgemeine und jüdische Bildung Förderung fand. In seinen hebräischen Schriften nannte der Weltweise sich Moscheh aus Dessau, und als Moscheh Dessau lebte sein Name in der hebräischen Literatur fort, von den einen vergöttert, von den anderen verketzert — beides ein Zeichen der starken Umwälzung, die von ihm ausging. Von ihm ausging, ohne daß er es beabsichtigte, vielfach sogar ohne daß er es wünschte. Er wollte nur in seinen Büchern forschen und wurde ein Umgestalter und Schöpfer, er wollte nur ein Wahrheitssucher sein und wurde Lehrer und Wegbereiter. Für seine Wirkung auf das Judentum ist es ohne Belang, daß er am Ende seiner Tage die Krise der Aufklärungsphilosophie erlebte, daß er es ahnungsvoll kommen sah, wie „der alles zermalmende Kant" die Grundlagen seines Systems zerstörte. Hier handelt es sich nicht um den Wahrheitsgehalt oder die Wirkung seiner Lehre, sondern um sein Beispiel, um die Tatsache, daß seit Jahrhunderten zum ersten Male ein Jude unbefangen an* das Studium der Philosophie herantrat, daß er Sprachen lernte und Systeme studierte, unermüdlich zu den Quellen herabstieg, nicht, um eine Lehre zu beweisen oder zu widerlegen, sondern um zu forschen, um zu erkennen. Er versenkte sich in die Klassiker der Philosophie, unbekümmert um die Frage, was dabei aus seinem überlieferten, ihm wertvollen jüdischen Glauben werden würde, er war ein viel gelesener, anerkannter und verehrter philosophischer Schriftsteller, ehe man in jüdischen Kreisen viel von ihm wußte, ehe er sich seiner jüdischen Sendung bewußt wurde. Er schrieb seine philosophischen Abhandlungen in einer Sprache, deren Juden sich als Schriftsteller sonst nicht zu bedienen pflegten, allerdings wurde sie in dieser Reinheit und Klarheit auch von deutschen Christen nur selten geschrieben, und kein geringerer als Goethe rechnete ihn zu den Meistern des deutschen Stils, zollte, neben Mendelssohns Scharfsinn seiner klaren, leichtfaßlichen Schreibart hohe Anerkennung. Diesen Weg zur Philosophie hatte ein Jahrhundert vorher Spinoza beschritten, aber außerhalb des Judentums vollendet, während Moses Mendelssohn im Judentum verblieb, das Judentum treu liebte, die Verbindung des Judentums mit der allgemeinen Kultur wiederherstellte, es für neue Gedanken, für neue Anregungen empfänglich machte — den Weg für die gesamte neuere geistige Entwicklung des Judentums bahnte. 187

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