Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau tragenen Gedankengängen heraus fordert er, daß der Staat sich in keine Religionsstreitigkeiten einmischen und nur darüber wachen solle, daß sich Lehren, die die Grundlagen der Gesellschaft untergrüben, nicht ausbreiteten. Das Grundgesetz des menschlichen Zusammenlebens dürfe nicht die Glaubensvereinigung, die immer zur Intoleranz führen müsse, sondern nur die Duldsamkeit in Glaubensdingen, das Recht für jeden Staatsbürger auf Freiheit des Glaubens und der Gesinnung ^bilden! Mendelssohns Forderungen und deren Begründung mögen in manchen Beziehungen anfechtbar sein; doch sie haben, und darin Jfiegt ihre historische Bedeutung für die Deutschen, darin liegt Moses Mendelssohns deutsche Sendung, zu ihrem Teile wesentlich dazu beigetragen, eine feste tragfähige Grundlage zu schaffen, die die Verständigung und Einigkeit der Deutschen und damit erst die Bildung eines vorbehaltlosen Nationalgefühls ermöglicht hat. Fürwahr, in dem konfessionel zerspaltenen Deutschland ist Duldsamkeit gegen Andersgläubige auf der Grundlage der gegenseitigen Achtung der Bekenntnisse die Lebensluft, in der allein nationale Gemeinschaft und nationale Kultur gedeihen kann! Meine Damen und Herren! Was ich Ihnen von Moses Mendelssohns deutscher Sendung gekündet habe, war im wesentlichen ein Mosaik aus seinen eigenen Worten. Aus seinen Worten, die mit Herzblut geschrieben sind. Mit dem Blute des Herzens eines kleinen Juden, das dort geschlagen hat, wo das Herz der deutschen Großen hatte schlagen sollen! Einen Weltbürger hat man ihn genannt. Gewiß! Das war er, wie alle führenden Menschen seines Zeitalters. Doch der mißversteht die Weltweite seiner erhabenen Seele, der seine Ehrfurcht vor allem, was gottgeschaffenes Menschenantlitz trägt, seine Achtung vor menschlicher Größe, gleichviel welches Stammes und Glaubens, der endlich auch sein zähes Festhalten an der Religion seiner Kindheit für unvereinbar hält mit heißer überquellender Liebe zur deutschen Muttersprache, zu deutscher Kultur, Sitte und Ehre. Wir, die wir heute in seinem Namen versammelt sind, wir wissen, was er uns Deutschen gewesen ist: nicht nur ein weiser Philosoph und ein gütiger reiner Mensch, nicht nur das Urbild Nathans des Weisen, nicht nur der Freund unseres Lessing, sondern mehr noch: ein großer Erzieher des deutschen Volkes zur Nation in einer Zeit jämmerlicher Zerfahrenheit und ein Mitarbeiter von Gottes Gnaden an der Neuschöpfung und Veredlung der verwilderten und ins Barbarische versunkenen deutschen Sprache. Ehre darum dem Andenken unseres Landsmanns Moses Mendelssohn, den Anhalt mit Stolz unter seine größten Söhne zählt! 186