Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 9)
- Language
- German
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau und ihrem ethischen Richtungsbedürfnis entsprang und entsprach. So ward sie vielen ein Trost- und Heilmittel und hat wesentlich zur Gesundung des Volksgeistes beigetragen. So scharf sich der Philosoph gegen den Selbstmord wandte, so wenig ist er umgekehrt von dem heroischen Grundton abgewichen, der die Dominante des friderizianischen Zeitalters bildete. Wohl sah er im Kriege, in dem die Entscheidung nicht bei der Vernunft, sondern bei der Gewalt liegt, ein Unheil für die Völker, aber er verlangte trotzdem, daß jeder Staatsbürger stets bereit sein müsse, sich mit ganzer Persönlichkeit für das Wohl der Allgemeinheit einzusetzen und sein Leben fürs Vaterland zu opfern. Er beklagt es in den „Literaturbriefen" bei einer Besprechung von Abbts glänzender Schrift „vom Tode fürs Vaterland" auf bitterste, daß in den neueren Zeiten den Nationen die große Denkungsart fehle, die bei Griechen und Römern der Liebe zum Vaterlande entsprossen sei. Heute sei Unterwürfigkeit an die Stelle der Liebe getreten und habe denkende Wesen wie in Maschinen verwandelt. Die Liebe zum Vaterlande sei unter die Vorurteile verstoßen; die Nationen interessierten sich für die Welthändel nicht wie selbstdenkende und selbsthandelnde Geschöpfe, sondern wie untätige Zuschauer. „Kommt aber", so mahnt er prophetisch, „die Liebe zum Vaterlande in die Gemüter unserer Mitbürger zurück, so muß die Nation notwendig, wie von einer neuen Seele belebt, auch eine neue Denkungsart annehmen. Ihre Taten zum Dienste des Königs erlangen mehr eigenen Trieb als Gehorsam, mehr Liebe als Beruf zum Grunde; und ihr großer Anführer ist nicht, was andere sein möchten, djie Seele vieler Körper, sondern — wenn ich mich so ausdrücken darf — die Seele der Seelen." So steht vor seinem geistigen Auge — schon ein halbes Jahrhundert vor den Tagen eines Freiherrn vom Stein — festgefügt der Bau eines künftigen Nationalstaates, so sehen wir in ihm Ideen lebendig, die in Deutschland erst im Zeitalter der Freiheitskriege wirkliches Eigentum des deutschen Volkes geworden sind. Ein Bahnbereiter für eine neue Zeit ist Mendelssohn vor allem aber als Vorkämpfer des Toleranzgedankens gewesen, den wenige mit so scharfer Folgerichtigkeit und so ungeheuerer Wirkung verkündet haben wie er in seiner glänzenden Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum". Klar und kühn zugleich grenzt er programmatisch die Aufgaben zwischen Staat und Kirche ab, auch hierin ganz ein Sohn der Aufklärungszeit: „Die Religion weiß von keinem Zwange, wirkt nur auf Herz und Geist. Sie treibt nicht mit eisernem Stabe sondern lenkt am Seile der Liebe .... Ihre Waffen sind Gründe und Ueberführung, ihre Macht die göttliche Kraft der Wahrhaftigkeit; die Strafen, die sie androht, sind — wie die Belohnungen — Wirkungen der Liebe . . . Der Staat gebietet und zwingt; die Religion belehrt und überredet; der Staat erteilt Gesetze, die Religion Gebote; Zwangsrecht hat nur der Staat, die Religion kann nur .auf die Ueberzeugung einwirken, nur belehren und trösten. Ihre Macht ist Liebe und Wohltun!" Aus diesen von edlem Pathos ge- 185