Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau fällt .... Wenn unsere Weltweisen die Schuletikette vergessen und sich einen freiem und ungezierten Ton angewöhnen wollten, so würde, der allgemeine Beifall, den sie verdienen, nicht ausbleiben." Wie die deutsche „Muttersprache", so liebte er deutsche Kultur und Sitte und war unglücklich darüber, daß die Deutschen so wenig ihren eigenen Wert erkennen und ihr Gold für das Flittergold des Nachbarn vertauschen. „Deutschland hat sich", so heißt es in einem Aufsätze vom Jahre 1775, „von seinen Nachbarn den gerechten Vorwurf zugezogen, daß es öfters für seine eigene Ehre zu sorglos sei.; Aus seinem kaltsinnigen Betragen zu urteilen, sollte man fast vermuten, es wisse den Wert der großen Geister nicht zu schätzen, die es in seinem eigenen Schöße hervorbringt. Leibniz und Newton, deren, unsterblicher Ruhm bis in die spätesten Zeiten dauern wird, lebten zu einerlei Zeit, und erweiterten die Grenzen der Wissenschaften gleichsam mit vereinten Kräften. Der große Newton starb; und es ist bekannt, mit welchem Pompe, mit welchen fast königlichen Ehrenbezeigungen sein Leichnam beigelegt worden ist. Der wenigstens ebenso große Leibniz verschied und ward nicht würdiger beerdigt, als der schlechteste Einwohner einer Stadt, dessen Verlust man nicht weiter verspürt, als an dem Tische, wo er gesessen hat!" Die Kehrseite dieser Hochschätzung deutschen Wesens äußert sich in dem Ingrimm, mit dem er sich gegen den frivolen Geist wendet, der sich unter den französischen Philosophen und Schriftstellern der Aufklärungszeit breit machte und der nicht nur die deutschen. Höfe beherrschte, sondern auch tief in den Adel und das Bürgertum eingedrungen war. Besonders galt sein heiliger Zorn dem Atheismus und grobsinnlichen Materialismus, wie ihn etwa La Mettrie und Holbach predigten. Er befürchtete hiervon nicht nur eine Verwilderung der Gemüter und Zerstörung der sittlichen Ideale der Menschheit; sondern fast noch mehr, daß „die menschliche Natur angeekelt von diesen Lehren sich wieder nach Kindereinfalt sehnen und in Kindertorheit verfallen möchte, daß sie lieber von Gespenstern umgeben sein wolle, als in einer toten Natur zwischen lauter Leichnamen wandeln". Nicht minder aber bekämpft er die weichliche und weibische Sentimentalität der Zeit, namentlich die Art, wie sie mit dem Gedanken des Selbstmordes — für Mendelssohn der Inbegriff des Unsittlichen schlechthin — spielte. Diesen Irrungen und Wirrungen des Zeitalters stellte er den erhabenen sittlichen Ernst seines „Phädon" entgegen, und suchte hierin in Anknüpfung an den gleichnamigen Platonischen. Dialog das zentrale Problem der Zeit, die Frage der Unsterblichkeit der menschlichen Seele zu lösen. Er hat diese Frage nicht nur energisch bejaht, sondern hat auch ehrlich geglaubt, sein „Ja" mit dem ganzen Rüstzeug der damaligen Wissenschaft aus der Vernunft heraus beweisen zu können. Gewiß gilt seine Beweisführung heute als veraltet und ist schon von Kant überholt. Gleichviel! Die erzieherische Wirkung der Schrift auf die eigene Zeit und besonders auf die deutsche war ungeheuer, weil sie deren tiefster Sehnsucht nach dem Göttlichen 184