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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 179

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 3
Article
Dem Andenken Moses Mendelssohns
Date
1929-01-01
Page
Seite 179 (sequence 3)
Language
German
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Reden bei der Mendel«f£hn-Feicr in Dessau Wir alle wissen: Die wissenschaftliche Forschung ist heute in schwerer Gefahr; denn es fehlen die Mittel. Wir alle wissen, was das für unsere Kultur, aber auch für unsere Wirtschaft bedeutet, die in keinem ihrer Zweige die wissenschaftliche Forschertätigkeit entbehren kann. Darum wird die bedeutsame Hilfe, die ihr vom Hause Mendelssohn kommt, überall ein Echo der Freude und des Dankes wecken. Und wir dürfen zu Mendelssohns 200. Geburtstag im Hinblick auf die hochherzige Spende mit Goethe bekennen: „In dem Vergangnen lebt das Tüchtige, Verewigt sich in schöner Tat." Möge die Stiftung im Sinne der Spender und ihres großen Ahnherrn wirksam werden. Mögen alle, die in den Genuß ihrer Mittel gelangen, im Geiste eines Lessing und eines Moses Mendelssohn die Fackel der Erkenntnis tragen in Bezirke, wo noch Unkenntnis und Dunkel herrscht, ehrliche Vollstrecker werden des Schöpfungsurgebots: „Es werde Licht!" Staatsminister a. D. Dr. h. c. Müller: Meine Damen und Herren! Unsäglich schwer und mühevoll ist der Weg gewesen, den das deutsche Volk durchwandern mußte, um sich zur Nation zu bilden. Wie viel trennende Grenzgräben und Mauern waren zu überwinden, wie viele Mißverständnisse und Torheiten auszuschalten, welche ungeheure Erziehungsarbeit mußte geleistet werden, bis sich der Deutsche wahrhaft als Deutscher fühlen und seine Sprache als Muttersprache ehren lernte, bis er eine geschlossene deutsche und doch zugleich abendländische Kultur und Sittlichkeit aus seiner Eigenart heraus zu entwickeln vermochte! Vor zweihundert Jahren schien das deutsche Volk von diesem Ziele, dem alle europäischen Völker schicksalhaft zusteuerten, noch durch eine Welt voller Hindernisse getrennt. Was man Deutschland nannte, war — von etlichen freien Städten abgesehen — eine Summe von unabhängigen, größeren und kleineren Fürstentümern, deren Herrscher von stolzem Souveränitätsgefühl beseelt waren und von denen nur ganz wenige an etwas anderes als ihren eigenen Vorteil dachten. Durchweg französisch erzogen, sprachen und schrieben sie französisch, lebten nach französischer Hofsitte und Mode, begeisterten sich an französischen Schriftstellern und waren deutschem Denken und Fühlen entfremdet. Wer von ihnen das verachtete Deutsch leidlich fehlerfrei sprechen konnte, bildete eine rühmliche Ausnahme. Es war schlimm, daß der Adel, die Beamtenschaft und zum Teil auch das gebildete Bürgertum in der Nachäffung des fremden Wesens es den Höfen gleichzutun trachtete. Dadurch wurde das Volkstum der führenden Geister beraubt, und die deutsche Sprache, die es noch im 16. Jahrhundert an Kraft und Schönheit mit jeder anderen aufgenommen hatte, ent- 179

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