Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
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Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau artete in schwülstiger, geschraubter Geziertheit und ward verderbt durch massenhafte Aufnahme unverdauter Fremdwörter. Hinzu kam, daß sich zwischen den verschiedenen Religionsbekenntnissen, in die Deutschland seit der Reformation zerspalten war, noch immer starkes Mißtrauen, wenn nicht gar Haß und Verachtung als Scheidewand auftürmte. Bei dem Uebergewichte, das religiöse Sorgen und Nöte im Leben der Menschen von damals beanspruchten, war ja die große Masse noch nicht befähigt, in dem Andersgläubigen etwas anderes als einen Verdammten, dem Weltgericht Verfallenen zu erblicken. Doch langsam bahnte sich ein Wandel zum Besseren! Nach den Leiden des grauenhaften Religionskrieges, der Deutschland 30 Jahre lang verwüstet hatte, hatte niemand mehr Mut und Lust, noch einmal die Glaubensgegensätze mit Kanonen und Soldaten zum Austrag zu bringen. Und dann setzte sich — ebenso wie im übrigen Europa — auch in Deutschland, jene gewaltige Geistesbewegung durch, die man mit den Schlagworten „Rationalismus" oder „Aufklärung" zu kennzeichnen pflegt und deren vielgestaltiges Wesen im Grunde darin besteht, das Weltall in seinen mannigfachen Erscheinungsformen mit dem Lichte der Vernunft zu durchdringen und zu begreifen und das öffentliche wie das private Leben nach den Grundsätzen der Vernunft aufzubauen. In diesen Ideenkreisen wurzelt auch der Gedanke der Duldsamkeit gegen Andersgläubige. Er kam zu den Deutschen aus Holland und England, fand in Leibniz, Pufendorf und Thomasius gewaltige Vorkämpfer und allmählich bei den Gebildeten des Volkes Anklang. Es ist ein Ruhmesblatt der anhaltischen Geschichte, daß diese Idee hier — besonders im Dessauischen Landesteile — früher oder wenigstens folgerichtiger als anderwärts — in die Tat umgesetzt worden ist. Das war das Werk des freigesinnten Fürsten Johann Georg II. Wie seine Vorfahren, gehörte er dem reformierten Bekenntnis an. Schon hierdurch war er in enge Beziehungen zu dem brandenburgischen und dem nassau-oranischen Fürstenhause getreten, die damals als Führer der Reformierten gelten durften; dann hatte er eine oranische Prinzessin geheiratet und war damit Schwager des Großen Kurfürsten geworden, der ihn zum Statthalter in den Marken machte. Johann Georg ist es gewesen, der dem aus Leipzig vertriebenen Vorkämpfer der Menschenrechte Christian Thomasius eine Zufluchtsstätte in den brandenburgischen Landen verschafft, der den Katholiken die Religionsübung und den Juden, vom Jahre 1672 an, die Niederlassung in seinem Ländchen gestattet hat. Dergleichen gilt uns heute als selbstverständlich; damals aber waren das gewaltige, beinahe revolutionäre Taten. Die jüdische Kolonie, die in der Sandvorstadt zu Dessau emporblühte, genoß ein weitgehendes Selbstverwaltungsrecht: sie durfte insbesondere ihre eigene Schule und Synagoge unterhalten, und die Dessauer Schutzjuden konnten Gewerbe, Handel und Wandel treiben, soweit dem nicht Innungsprivilegien entgegenstanden. Doch gab es 180