Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dem Andenken Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259276-2259280-2260010--2570-2260040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Reden bei der Mendelssohn-Feier in Dessau stockte Herzen. In der Menschenliebe sind wir in den letzten 150 Jahren nicht sonderlich weiter gekommen. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch! Ah! wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es g'nügt, ein Mensch zu heißen." Ist dieses Nathanwort nicht auch noch für unsere Zeit gesprochen? Sind wir nicht mit einem fast an Fanatismus grenzenden Eifer dabei, überall die Schranken aufrecht zu erhalten, die uns hindern, eine wahre Volksgemeinschaft zu werden — von einer Völkergemeinschaft ganz zu schweigen? Mendelssohn feiern, heißt, ebenso wie Lessing feiern, nicht nur: Rückschau halten auf längst vergangene Zeiten, sondern heißt auch: ihre Persönlichkeit wieder lebendig machen für unsere Generation, heißt: aus ihrer Lehre und aus ihrem Wirken für unsere Zeit vor allem die Forderung herleiten, über die Verschiedenheiten und Gegensätzlichkeiten, die sich aus Bekenntnis, Klassen- und Parteizugehörigkeit ergeben, das Band gemeinsamen Menschentums nicht zu vergessen und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen zu erfüllen. „Es eifre jeder ihrer unbestochenen Von Vorurteilen freien Liebe nach!" Die Persönlichkeit Moses Mendelssohns soll aber in der Stadt, die ihn geboren hat, auch noch in anderer Beziehung lebendig und wirksam werden. Ich habe die große Freude, der heutigen Festversammlung Kenntnis zu geben von einer „Moses Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften", die — wie es in der Stiftungsurkunde heißt — getreu den Zielen des Wirkens und Strebens des edlen Mannes für Menschheitsbildung und Menschenwohl in seiner Vaterstadt Dessau errichtet worden ist. Zu dieser Stiftung haben die Häuser Mendelssohn & Co. in Berlin und Amsterdam den Grundstock gelegt, indem sie zum 200. Geburtstage Moses Mendelssohns die ansehnliche Summe von 250 000 Reichsmark gespendet haben. Die Stiftung soll ihren Zweck dadurch erfüllen, daß aus den Erträgnissen ihres Vermögens ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses in erster Linie Vertretern des deutschen Geisteslebens die Mittel zur Durchführung wissenschaftlicher Forscherarbeiten (auch Forschungsreisen) sowie zur Veröffentlichung ihrer Ergebnisse und daneben unbemittelten deutschen Studierenden, die nach Anlagen und Leistungen tüchtige Vertreter der Wissenschaft zu werden versprechen, insbesondere auch solchen aus Dessau, Beihilfen zum Studium an einer Hochschule oder zu sonstiger Vorbereitung auf künftige Forschertätigkeit gewährt werden. In das Kuratorium sind als Vertreter von Wissenschaft und Kunst berufen worden die Herren Professor Einstein, Professor Gropius, Professor von Harnack, Oberbaurat Heck, Professor Junkers, Professor Max Liebermann, Reichskunstwart Redslob, der Präsident der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaften, Staatsminister Schmidt- Ott, Professor Eduard Spranger, Intendant Schulz-Dornburg und Arnold Zweig. 178