Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 161 (sequence 10)
- Language
- German
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Jacob Jacobson. Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt. schwinden und sich die schlechtere Bezahlung" für den geringeren Kunstfleiß gefallen lassen. Ephraim konnte auf diese Weise mit seinen Löhnen unter denen des Erzgebirges bleiben; doch blieb er damit von seinem Ziel, die westpreußische Klöppelei auf die Höhe der Potsdamschen zu bringen, entfernt. Ja, er mußte sogar — um nur sortiert zu sein — die feinsten Kanten aus dem Ausland gegen eine 5o/0ige Abgabe einführen. In den ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Bevölkerung lag es auch begründet, daß immer wieder Unterschleife vorkamen; Ephraim konnte es trotz der Inanspruchnahme der Magistrate nicht verhindern, daß die von ihm gelieferten Materialien und die damit fabrizierten Kanten verschoben wurden. Unglücksfälle, wie z. B. der Brand seines Fabrikhauses in Chodziesen,* kamen hinzu. Es mangelte ferner an wirklich erstklassigen, sächsischen Lehrerinnen und an geräumigen Lehrwerkstätten nach dem Muster des Potsdamer Kantenhauses mit allen seinen erzieherischen und organisatorischen Vorzügen. Mit erstaunlichem Eifer hatte es Ephraim trotz aller Widerstände soweit gebracht, daß er über 1500 Arbeiter beschäftigen konnte. Allein der Absatzmarkt für die hier fabrizierten Kanten entsprach nicht ganz seinen Erwartungen. Es setzte sehr viel in der Provinz Brandenburg und bei Bürgern und Trödlern in Berlin, aber verhältnismäßigwenig bei den dortigen großen Modegeschäften ab. Schlesien kaufte von ihm kaum für 4000 Taler. Ganz Ost- und Südpreußen fiel für ihn weg. In der letzteren Provinz, welche die große preußische Erwerbung aus der zweiten polnischen Teilung darstellt, hatte er — er erwähnt es nicht, aber es ist aus anderen Berichten her ersichtlich29) — eine Konkurrenz an den dortigen Klöpplerinnen, die sich ebenfalls aus der jüdischen Bevölkerung rekrutierten. So wird z. B. aus Wronke und Obersitzko berichtet, daß die Juden-Frauen und -Mädchen des Abends vor den Häusern in Reihen vor ihren Klöppelpulten saßen, und in Lissa sollen — als diese Stadt zu Preußen kam (1793) — 250 Judenmädchen Spitzen geklöppelt haben. Ephraim ließ nicht nach, nach Befestigung und Ausdehnung seines Unternehmens zu streben. Er wollte sich in Inowrazlaw einen neuen Stützpunkt schaffen, offenbar um von da aus nach Südpreußen vorzustoßen, und er hegte sogar den Plan, in das letzte preußisch-polnische Gebiet, nach Ne,u-Ostpreußen hinüberzugreifen. Aber allmählich überstieg das westpreußische Unternehmen die angespannten Kräfte des Unternehmers. Ephraim kam wiederholt an höchster Stelle um die Gewährung großer Kredite, Bauhilfsgelder und Prämien ein, konnte aber nur einen Vorschuß von 5000 Talern und für 6 Jahre eine in sich nicht sehr bedeutende Prämie für die Arbeiterinnen, wie er sie auch für Berlin erhielt, herausschlagen. Den Hauptstoß erhielt er — wie so viele auf ähnlicher Grundlage aufgebauten Unternehmungen — durch die Maschine. Durch die in England gemachte Erfindung 29) Monatsschrift für Geschichte u. Wissenschaft des Judentums. Bd. 65 (1925), S. 46 ff. 161