Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 159 (sequence 8)
- Language
- German
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Jacob Jacobson. Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt. noch erträgliches Maß herabdrückten. Mit Dohm sah Ephraim das Heil in der Hinüberführung der Juden zu produktiveren Berufen, vor allem zu gewerblicher, industrieller Beschäftigung. Er glaubte zuversichtlich, daß eine solche Berufsumschichtung gleichzeitig die beste Abwehr gegen Landesverweisungen wäre, weil sie dem Staate das Motiv zu solchen Gewaltmaßregeln nehmen würde. In etwas eilte allerdings diese Ansicht der Entwicklung noch voraus; denn vor der Hand war die Verwaltungspraxis im Netzedistrikt noch auf den Ersatz jüdischer zünftiger Handwerker durch christliche bedacht. Aber für Unternehmungen, wie die von ihm ins Leben gerufene, konnte sie immerhin prompte Anwendung finden. Ephraim wollte nun den Staat dahin beeinflussen, daß er durch gesetzliche Maßnahmen diese Umschichtung befördere. Er machte deshalb den Vorschlag, man solle eine Gruppierung der westpreußischen Juden nach den hauptsächlichsten Berufsarten vornehmen und jeder Gruppe besondere Berechtigung verleihen. Die erste Gruppe, die der Handel treibenden, sollte in der Hauptsache dieselben Freiheiten genießen wie die Juden in den übrigen preußischen Staaten, aber zur Abnahme von wenigstens 200 000 Talern inländischer Fabrikwaren verpflichtet sein. Die zweite Klasse, die der in der Industrie beschäftigten, sollte einem festgesetzten Kopfgeld unterworfen sein und die Freiheit haben, zu ihrem Gewerbe einige Kinder mit anzusetzen, was ein großer Fortschritt gegenüber der Gepflogenheit in den übrigen preußischen Provinzen gewesen wäre. Zur Aufmunterung für diese Klasse empfahl Ephraim die Nachahmung seines Beispiels. Tatsächlich hatten sich auch die Berliner jüdischen Fabrikanten Abraham Friedländer23) und Borchardt .bereit erklärt, ihre Fabrikation nach dem Netzedistrikt zu verlegen. Für die dritte Klasse, diejenigen, die Ackerbau und Viehzucht treiben, und solche, die sich dem Staatsdienst widmen wollten, nahm Ephraim alle Rechte der christlichen Bürger in Anspruch24). Ephraims gut gemeinten Vorschläge, die ganz aus dem Geist der Aufklärungszeit geboren waren, aber genau genommen einer grundsätzlichen Emanzipation im Wege standen, wurden nach Bromberg weitergegeben und dort anscheinend ad Akta gelegt. In der Frage der Ausweisungen wurde, besonders nach dem Tode des großen Königs, im allgemeinen eine mildere Praxis beliebt25). Es ist ungewiß, ob das auch schon für die 50 Flatower Familien zutraf, die im Jahre 1789 ursprünglich zur Abschiebung über die Netze vor- 23) Acta Borussica: Seidenindustrie Bd. II. Berlin 1892. S. 251. Generaldirektorium, Fabrikdepartement Tit. 204. Nr. 38. 2i) Daneben forderte er die Wahl der Rabbiner durch einen Berliner Sachverständigen und die Ersetzung der Aeltesten durch vier Steuererheber für jede Gemeinde. 25) Man vergleiche für die veränderte Haltung der Beamtenschaft das Gutachten des Kriegsrats Broscovius (1791), zitiert von A.Warschauer in der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, III. Braunschweig 1891, 159