Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 158 (sequence 7)
- Language
- German
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Jacob Jacobson. Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt. sich allmählich erweichen und zu häufigeren und umfangreichen Ausweisungen bequemen20). Ein solcher Ausweisungsfall betraf im Jahre 1784 auch die von Ephraim beförderte Klöppelindustrie. Damals war die Wegschaffung ärmerer Juden aus Czarnikau geplant, darunter sehr viele von den 106 Arbeiterinnen, die Ephraim in diesem Ort beschäftigte21). Ephraim war von dem Bürgermeister von Schneidemühl, der als Sachverwalter seines Unternehmens tätig war, auf die drohende Gefahr aufmerksam ^gemacht worden und hatte das Generaldirektorium um Aufhebung des Ausweisungsbefehls für die für seine Fabrik beschäftigten Arbeiterinnen ersucht. Er hob dabei hervor, daß er für die Klöppelarbeit nur Juden-Frauen und Juden-Mädchen bekommen könne, und daß viele beschäftigungslose Juden durch diesen neuen Erwerbszweig dem Staate nützlicher geworden seien. Allein weder dies noch der Hinweis auf den Schaden, der durch die Ausweisung angelernter Arbeiterinnen entstehen müßte — er verstieg sich zur Schätzung von mehr als 30 000 Talern —, konnte den einmal gefaßten Beschluß umstoßen. Es blieben ja nach Meinung der Behörde noch genug Juden im Netzedistrikt, die sich dem Kantenklöppeln, wenn es sich lohnend für sie erwies, zuwenden mochten. Tatsächlich konnte Ephraim ja auch 1785 die Zahl der mit Klöppelarbeit Beschäftigten auf über 700 angeben. Es lag in der auf Wirken und Wirkung angelegten Natur Ephraims, daß er bei einer Ablehnung wie in dem Czarnikauer Fall nicht ruhig stehen blieb. Er verallgemeinerte seine persönlich-geschäftlichen Erfahrungen und suchte sie für den ganzen Personenkreis, den ihn seine industriellen Unternehmungen nahegebracht hatten, großzügig auszunutzen22). Er fühlte sich gedrängt „sich für die Conservation der westpreußischen Juden zu interessieren" und machte deshalb in einer besonderen Denkschrift dem Generaldirektorium Vorschläge (15. 9. 1785), die darauf hinausliefen, eine Vertreibung der eingesessenen jüdischen Bevölkerung innerlich unmöglich zu machen. Man konnte nicht übersehen, daß auch in Westpreußen noch immer unverhältnismäßig viel Juden sich mit dem Handel abgaben und durch die Zusammendrängung in diesem Beruf die eigene Lebenshaltung auf ein kaum 2<>) Bär errechnet S. 439, daß von 1774—1785 über 6000 Juden aus dem Netzedistrikt ausgewiesen seien. Voraussetzung für diese Berechnung ist aber wohl doch die Annahme, daß die statistischen Tabellen die wahren Zahlen wiedergeben. Sollte aber die Not nicht Mittel an die Hand gegeben haben, sich den Zählungen zu entziehen? Vergl. auch August Carl Holsche, Der Netzedistrikt. Ein Beytrag zur Länder- und Völkerkunde; Königsberg, 1793, S. 61 und beispielsweise Staatsarch. Danzig, Abt. 310 Nr. 1259: Bestrafung der Judenältesten zu Flatow wegen unrichtiger Angaben bei Fertigung der Judentabellen. 1785/86. 21) Zur selben Zeit in Filehne damals noch 57, in Schneidemühl 43 Klöpplerinnen. Bär, S. 471. 22) Das Folgende nach Gen.-Dir. Westpreußen und Netzedistrikt. Materien Tit. XVI. Sect. 1. Nr. 4 vol. III. 158