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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-07-01 · Heft 2 (Juli 1929) · p. Seite 155

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 2 (Juli 1929)
Article
Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt
Date
1929-07-01
Page
Seite 155 (sequence 4)
Language
German
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Jacob Jacobson. Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt. Dadurch allein schon war und blieb die sächsische Spitzenindustrie die schärfste Konkurrenz für die Bemühungen der Ephraims. Der reguläre Import aus Sachsen blieb immer noch sehr bedeutend, daneben blühte der Schmuggel, die Kontrebande. Sollte die von den Ephraims organisierte Spitzenfabrikation wirklich befriedigende Ergebnisse zeitigen, so galt es vor allem noch billiger herzustellen als die sächsischen Fabrikanten oder zu mindest zu noch günstigeren Bedingungen zu arbeiten, als sie aus der Verbindung mit dem Potsdamer Waisenhaus und aus der Berliner Filiale sich ergaben. Sehr bald nachdem Benjamin Veitel Ephraim die väterlichen „Entreprisen" übernommen hatte, schien sich eine solche Möglichkeit zu eröffnen. In der ersten Teilung Polens war dem preußischen Staate auch der Netzedistrikt zugefallen. Diese westpreußische Provinz stach von den anderen westpreußischen Gebietsteilen dadurch hervor, daß das jüdische Element in ihr ungemein zahlreich vertreten war. Etwa 6o/0 der Gesamtbevölkerung bestand hier aus Juden. Etwa 9/10 davon wohnten in den Städten, sehr zum Unterschied von Polnisch-Preußen, wo sie — bis auf Schlochau — nur auf dem Lande saßen12). Naturgemäß konnte diese zahlreiche städtische Judenschaft, die im Durchschnitt fast 1/4 der städtischen Einwohnerschaft ausmachte, sich nicht ausschließlich von dem großenteils kümmerlichen Handel ernähren. Vielmehr sah sie sich zur Ausübung der verschiedensten handwerklichen Berufe gedrängt. Ihr Berufsaufbau stand daher im prinzipiellen Gegensatz zur wirtschaftlichen Ordnung im friderizianischen Preußen, wo die Juden von allen zünftigen Handwerken strikte ausgeschlossen waren13). Zu den handwerklichen Tätigkeiten, die unter den Juden des Netzedistrikts eine Stätte gefunden hatten, gehörte nun auch die Spitzenklöppelei. In Filehne, Czarnikau, Schönlanke und Crone a. d. Brahe wurden bereits zur Zeit der Besitznehmung durch Preußen von jüdischen Mädchen Spitzen geklöppelt. Größeren Ansprüchen genügten die gelieferten Waren allerdings keineswegs (eine noch heute bei den Akten befindliche Probe beweist das). Sie konnten aber auch kaum besser ausfallen, weil es den Klöpplerinnen an rechter Anweisung und Methode, an passendem Werkzeug und an Akkuratesse gefehlt hatte, und weil die Geringfügigkeit der Entlohnung — „die Waren wurden beinahe für den Zwirn abgepreßt" — keinen Anreiz für die Vervollkommnung des Arbeitsproduktes bot. 12) Max Bär: Westpreußen unter Friedrich dem Großen. (Publikationen aus den Königl. preußischen Staatsarchiven, Bd. 83) Leipzig 1909. S. 391 und 421. 13) Man versteht daher das Staunen der preußischen Beamtenschaft über diese Struktur. Im Marx 1773 schrieb der Geheime Finanzrat Roden vom Netzebezirk aus an den Großkanzler: „Hier ist es mir zu toll mit allen Juden. Will ich einen Chirurgen haben, kommt ein Jude, einen Tischler, ein Jude, Schlächter, Bäcker Juden, alle möglichen Handwerker sind Juden." Bär a. a. O. S. 426. 155

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