Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Jüdische Spitzenklöpplerinnen im Netzedistrikt
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 154 (sequence 3)
- Language
- German
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Jacob Jacobson. Jüdische Spitzenklöpplerinnen hn Netzedistrikt. Ephraim die Kantenfabrik9), 1783 wurde ihm der Kontrakt erneuert. Gleichzeitig wurde die Anzahl der Fabrikmädchen, die 1769 auf 352 gestiegen war, auf 230 festgesetzt. Sie blieb so bis zum Jahre 1795, bis zum Erlöschen des vom Waisenhaus schon lange nur mit Widerwillen gesehenen Vertrages. Im selben Jahre ging auch die Broderie- und Ausnähefabrik ein, die der Schutzjude Isaac Joel ebenfalls 1749 im Waisenhaus eingerichtet und gepachtet hatte10). Es hatte sich herausgestellt, daß auf die Dauer das Waisenhaus mit den Fabrikunternehmungen, zu denen es seine Waisenhauskinder hergab, nicht gut fuhr. Die Einkünfte, die das Waisenhaus daraus zog, waren zwar nicht unwesentlich, aber wie konnten sie die Schädigungen aufwiegen, die der geistigen Ausbildung und der Gesundheit der Mädchen aus dem frühzeitigen Eingespanntwerden in den Fabrikbetrieb {erwuchsen! Bei der Waisen Verwaltung hatte sich die Meinung herausgebildet, daß der Nutzen aus der Kantenfabrik einzig und allein bei den Ephraims liege. Aber auch das scheint in dem angenommenen Maße nicht zugetroffen zu haben, wenn es auch unwahrscheinlich ist, daß — wie B. V. Ephraim in einer Denkschrift vom Jahre 1805 behauptet — die Fabrik den alten Ephraim über 60 000 Taler gekostet habe. Ein großer Nachteil für die Unternehmer war es jedenfalls, daß es ihnen nicht gelang, die Mädchen auch nach dem Ausscheiden aus dem Waisenhaus bei der einmal erlernten Arbeit festzuhalten und sich so einen Stamm erfahrener Arbeiterinnen zu sichern. Diesem Mangel konnte auch das Berliner Parallelunternehmen kaum abhelfen. Veitel Heine Ephraim hatte schon um 1770 eine „Brabanter Kantenmanufaktur" eingerichtet. Sein Sohn Benjamin setzte sie in seinem Hause in der Heiligengeiststraße fort. Hier wurden von christlichen und jüdischen Kindern alle Sorten von Spitzen geklöppelt. Diese Kinder hatten eine weit kürzere Lehrzeit als die Potsdamschen Waisenmädchen — ca. 3 Jahre —, sie konnten auch in der Lehrzeit schon etwas verdienen und genossen sogar in einer eigens für sie eingerichteten Schule unentgeltlichen Unterricht in Schreiben und Lesen11). Die Ausgaben für Löhne waren bei den im wesentlichen auf Kinderarbeit eingestellten Ephraimschen Kantenfabrikationen gewiß nicht sehr erheblich. Und doch wurden sie offenbar noch von den Hungerlöhnen unterboten, welche im sächsischen Erzgebirge gezahlt wurden, wo die Kantenklöppelei — als Hausindustrie — bereits um die Mitte des 16. Jahrhunderte (1561) Eingang gefunden hatte. 9) Geh. Staatsarchiv Berlin-Dahlem: Generaldirektorium: Westpreußen und Netzedistrikt. Materien Tit. XXXI Sect. 2 Nr. 13. Eingabe von B.V. Ephraim an Stein vom 20. 2. 1805. 10) MiHtärwaisenhaus S. 403 ff. Eine kleine andere „Entreprise" des Isaac Joel hielt sich nur von 1753—1761. Ebenda S. 279. ") Nicolai a. a. O. S. 528 u. 700. 154