Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 116 (sequence 23)
- Language
- German
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Raphael Straus. Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut. können. Daß infolgedessen die kleineren Machthaber Kaiser und Papst — und zwar auch in Judensachen — oft zum eigenen Vorteil gegeneinander ausgespielt haben, ist bekannt. Aus diesen Verhältnissen erklärt sich die große Unsicherheit in der Judenpolitik jener Zeit, indem an denselben Orten und in kürzesten Fristen bald die Grundsätze extremer Theologen, bald diejenigen weltlicher „guter Haushaber" durchdrangen. Unter den einflußreichen Personen waren es nicht gar zu viele, die einen entschlossenen Standpunkt in der Judenpolitik wahrten und der Zwiespältigkeit Herr zu werden suchten. Zu diesen gehörte allenfalls Kaiser Friedrich III., der bei mehreren Anlässen mit dem Judenschutz Ernst gemacht hat, doch aber sein Wirken auf Einzelfälle beschränkte und an dem Problem als solchem vorüberging. Bestimmt dagegen gehören in die Reihe dieser Entschlossenen Herzog Heinrich einerseits und die christlichen Theologen andererseits und unter diesen jener Heinrich Kalteisen: diese letzteren propagierten die gewaltsame Unterdrückung der Juden als ideale Forderung, und überließen deren Durchführung den weltlichen Mächten, an deren Desorganisation und widersprechenden Interessen die EKirchführung scheitern mußte, auch wenn sie überhaupt möglich gewesen wäre. Sehr wesentlich unterscheiden sich von diesem grobmaschigen Programm des Inquisitors Kalteisen die Programme des Peter von Ailly, der eine „Berufsumschichtung" der Juden wohl nicht als einziger vorschlug, aber doch, auf dem Baseler Konzil, schärfer präzisierte. Auf praktische Reformen hat ferner Bemardin von Feltre hingearbeitet, indem er das jüdische Darlehensgeschäft durch die monti di pietä zu ersetzen suchte. Das war ein wirkliches Reformprogramm, und wenn es christliche Kapitalisten gegeben hätte, die den monti di pietä billiges Geld überlassen hätten, dann hätte das jüdische Darlehensgeschäft aufgehört, und die erstrebte „Berufsumschichtung" oder Auswanderung der Juden wäre zwangsläufig zur Tatsache geworden. Die monti di pietä hätten, in ausreichender Zahl mit genügenden Mitteln erstellt, wenigstens an den volkswirtschaftlich wichtigen Positionen die Breschen schließen können, die die Vertreibung der Juden hervorgerufen hat. Die historische Entwicklung hat aber schon nach wenigen Jahrzehnten den Argumenten der Theologen den Boden entzogen. Denn seit dem 16. Jahrhundert wird das Zinsdarlehen auch den Christen vom Staat gestattet, von der Kirche geduldet. Es sind nun allerdings nicht mehr die jüdischen Bankiers, sondern die christlichen, die die großen Darlehensgeschäfte betreiben. Eine so überraschende Wendung war weder für die Theologen noch für die bayrischen Herzöge vorauszusehen. Man muß sich hüten, ihre Politik von dieser späteren Entwicklung aus zu beurteilen, trotz der Geringfügigkeit des zeitlichen Abstands. Diese Entwicklung zeigt aber, wie sehr zeitbedingt die mit dem Anspruch dogmatischer Unbedingtheit erhobenen Forderungen der Theologen — und des ihnen folgsamen Herzogs Lud- 116