Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 115 (sequence 22)
- Language
- German
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Raphael Straus. Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut. mehr und mehr von den Strömen der Zeit erfaßt wird, und wie dort und in Nachbargebieten ein Heinrich Kalteisen, ein Capistrano, ein Nicolaus Cusanus für die „Katholizität", also gegen die ungläubigen Juden wirkten, jeder in seiner Art, mit Mäßigung oder mit Gewalt — und mit durchschlagendem Erfolg, nicht so sehr für die Kirche als gegen die Juden. Denn daß, wenn die Juden nicht „wucherten", die Christen es täten, war seit Jahrhunderten eine gerade auch von christlichen Predigern oft ausgesprochene Erkenntnis, und auch den weltlichen Fürsten jener Zeit war diese Erkenntnis nicht verschlossen (Chmel, Reg. Friedrichs 2, 594). Es hat sich übrigens kein Kleriker gefunden, der dem Herzog Ludwig verübelt hätte, daß er sich am Wucher der Juden bereichert hat. Die Zeitgenossen waren ihm günstiger gesinnt als seinem Vater. Die Forderung nach Unterdrückung der Juden ist erst in jener Zeit, in der die Kirche durch Husiten und Türken ihre geistliche und weltliche Herrschaft bedroht sah, so weit gegangen, daß sie Christen, die den Wucher der Juden duldeten, mit dem Kirchenbann bedrohte (so die Bamberger Synode von 1451), und daß sie die Vertreibung der Juden forderte — wie Kalteisen in dem angeführten Brief — oder guthieß — wie Nicolaus Cusanus in einem Brief an Herzog Albrecht d. d. 20. III. 1451. In früheren Zeiten hatte — mindestens praktisch — das Zinsdarlehen als nur den Christen verboten gegolten, und die Duldung der Juden in christlichen Landen galt geradezu als kirchliche Forderung und wurde seit alters begründet mit einem Prophetentext und mit dem Gedanken, daß die Erhaltung der Juden für Christus zeugen solle27). Mit der gleichen Begründung („also sind sie ain Spiegel des leidens unseres herrn") hat Kalteisen die Abdrängung der Juden in kümmerlichere Existenz gefordert und der gleichzeitige Papst die Erhaltung in ungeminderten Freiheiten. Man sieht, wie auch hier von gleicher Lehrauffassung aus die persönlichen Neigungen und Interessen zu starken Verschiedenheiten führten. Die schärfere Tonart fand sich bei den Theologen, Predigern, Philosophen (Kalteisen, Cusanus, Capistrano), die mildere Tonart bei den kirchlichen Herrschern (Martin V. und Nicolaus V.). Martin V. hat den Juden in Deutschland und Italien die unbehelligte Fortsetzung ihrer Lebensführung wiederholt verheißen; Nicolaus V. hat die entgegenstehenden Bestimmungen der Bamberger Synode u.a.m. aufgehoben und die Erfolge der Theologen damit vorerst vernichtet. Das Entgegenkommen der Päpste gegenüber den Juden erfolgte meistens auf Intervention weltlicher Fürsten hin (mehrfach z. B. Kaiser Friedrichs III.), und bildete eine jener Kompromißlösungen zwischen der praktischen Unentbehrlichkeit der jüdischen Steuerträger und deren Verwerfung durch die christliche Theologie. In dem Jahrhundert, das der Reformation vorausging, war weder der Besitzstand der Kirche noch der des Imperiums so gesichert, daß einer der Sympathie des anderen auf die Dauer hätte entraten 2T) „quod tarnen eorum reüquias salvandas propheticus commemorat" und „etiam in testimonium Judaeorum regis Christi". Nicolaus V. d. d. 20. III. 1453. Vgl. Stern, a. a. O. Nr. 55. 115