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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-07-01 · Heft 2 (Juli 1929) · p. Seite 114

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 2 (Juli 1929)
Article
Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut
Date
1929-07-01
Page
Seite 114 (sequence 21)
Language
German
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Raphael Straus. Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut. malige Uebertretung, wie die Vertreibung des Predigers, erklärt die Schärfe des Briefes nicht. Konsequent hätte sie dazu führen müssen, den Herzog über die Notwendigkeit und Berechtigung der Predigt gegen die „Perfidie" der Juden zu belehren, nicht aber dazu, ihn auf die unterdrückte Lage der Juden in Rom und ihre Verjagung aus England usw. hinzuweisen und das den Juden abgenommene Wuchergeld für die Kirche zu reklamieren. Nun sind gerade in jener Zeit einzelne Uebertretungen kanonischer Vorschriften in Klerikerwie Laienkreisen an der Tagesordnung gewesen; für die Heftigkeit der Anklage gibt diese — wenn auch gröbliche — Uebertretung keine Erklärung. Denn an dem Judenwucher bereichert haben sich alle Fürsten, geistliche und weltliche, vom Kaiser bis zum kleinsten mit Juden beliehenen Ritter, und gerade Sigismund, der Konzilskaiser, hat ständig und ohne kirchlichen Widerspruch das getan, was Herzog Heinrich so verargt wurde. Es ist keine Einzelhandlung des Herzogs, die den Zorn des Dominikaners hervorrief, sondern nur die völlig weltliche, zwar keineswegs kirchenfeindliche, aber unkirchliche Politik, die er trieb; bei einem Fürsten späterer Zeiten würde man sie „aufgeklärt" nennen. Aufklärung war aber das, was wegen der eingangs erwähnten Zeitumstände der Kirche am mißfälligsten war. Eine Politik, die Neigung zeigte, die Juden den Christen in der staatsbürgerlichen Existenz annähernd gleichzustellen, widersprach schon an sich dem „ökumenischen" Gedanken und forderte verschärften Widerstand heraus in Zeiten (Reformzeitalter) und Orten (Sizilien im 12./13. Jahrhundert), die skeptischen Gedanken zugänglich waren. Die Kirche hat damals tüchtige Kämpfer gehabt. Diese drangen in Landshut (wie kurz zuvor in München) durch, als der Tod der unabhängigen Politik Heinrichs ein Ende gesetzt hatte. Dessen Sohn Ludwig hat sofort nach seinem Regierungsantritt die Juden seines Landes gefangen gesetzt und sie nach Empfang von 25000 fl (Urk. v. 4. Nov. 1450) außer Landes geschickt. Der robuste Stil der Aktion sieht wieder ganz nach einem Visconti aus — oder ist es ein anderer, dessen Geist sich hier offenbart? So meint wenigstens Gemeiner (Regensburgische Chronik III. 205): „Capistrano scheint in beiden Fürsten (nämlich Albrecht in München und Ludwig in Landshut) diese Verfolgungswut angefacht zu haben". Man darf das wegen der sonstigen Tätigkeit Capistranos mit großer Wahrscheinlichkeit als richtig26) annehmen, weil ja der obenangeführte Brief des Dominikaners Kalteisen eine starke Initiative der Theologen in dieser Richtung beweist. Ein so plötzlicher Sturz von Rechtssicherheit zu äußerster Rechtlosigkeit ist selbst in der Geschichte der Juden des Mittelalters nicht häufig gewesen. Auch in manchen anderen Dingen hat der prachtliebende, nach außen wirkende Sohn mit dem System des sparsamen Vaters gebrochen; die Möglichkeit dazu hatte ihm aber die sorgsame Aufbauarbeit des Vaters verschafft. Es ist der Betrachtung wert, wie nun dieses in einiger abseitiger Ruhe vergrößerte Bayern 26) Trotz der von Kluckhohn, Ludwig der Reiche S. 41 geäußerten Zweifel. 114

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