Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 113 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut. z. B. als Privileg eines Landesfürsten oben Nr. 9, und als Kaiserprivileg dasjenige Sigmunds für die Juden in Heilbronn vom 14. Oktober 1414 (Knupfer, Urk.-Buch der Stadt H. 1, 451). Inhaltlich entstammen alle diese Judenprivilegien keinen Fürstenlaunen, sondern den realen Bedürfnissen, und eben darum unterscheiden sie sich so wenig voneinander. Die Besonderheiten in Herzog Heinrichs Politik liegen allein darin, daß er im Verfolg seiner Bemühungen um gesicherte Rechtsverhältnisse auch in seiner Judenpolitik die Stetigkeit bewahrte, während Sigmund wie die meisten deutschen Fürsten im Spätmittelalter infolge ihrer Ohnmacht, Geldverlegenheit oder wechselnden Interessen auf keinem Gebiete stete Politik trieben, und am wenigsten natürlich auf dem komplizierten Gebiet der Judenpolitik. Dieses Bild, das wir von der herzoglichen Politik gewinnen, wird nur bestätigt durch jene Verjagung des Predigermönchs Heinrich Feuchtwanger, die der ehemalige Inquisitor Kalteisen so heftig tadelte. Dem Herzog hat alles ferner gelegen als die Verletzung kirchlicher Interessen; es ist überliefert, daß er — auch hier Realpolitiker — Kirchen und Klöster reich beschenkt hat. Aber die in jener Zeit in allen deutschen Städten aufkommenden Predigten gegen die Juden störten seine Friedenspolitik und Pläne. Von ferne erinnert diese kühle, überlegene Abwägung aller Realitäten — auch der der geistigen Welt — an Kaiser Friedrich IL, der ja bis zu seiner Verfeindung mit dem Papst bei vielfach betätigter Freigeistigkeit die kirchlichen Interessen innerhalb seiner Staatsautorität durchaus förderte, und man wird vielleicht in diesem — damals in Deutschland seltenen — Wirklichkeitssinn außerdeutsches Erbgut des Herzogs erkennen dürfen. Eher als Phantasie, die ja für das deutsche Mittelalter so bezeichnend ist, spricht italienischer Geschäftsgeist aus dieser Sinnesart. Heinrichs Mutter war eine Visconti, ebenso wie die seines Vetters, Ludwigs des Bärtigen. Die Herrschaft beider Herzöge trägt fremdländische Züge, ausgeprägt selbst in dem bescheidenen Bezirk ihrer Judenpolitik. Herzog Ludwig war mit Schätzen beladen und mit einem französischen Jahressold aus Paris zurückgekehrt, wo seine Schwester Königin war; bei ihm ist der fremdländische Einschlag an äußeren Tatsachen zu erweisen. Bei Heinrich ist er nur am Stil seiner Innenpolitik zu verspüren, aber da sehr deutlich und am deutlichsten an deren problematischstem Teil, der Judenpolitik, deren Lasten die wenigsten Fürsten gleich ihm ausgleichend zu erleichtern verstanden. Es ist gewiß auch kein Zufall, daß sein überlegener Verstand auf Verständnislosigkeit und Gegnerschaft stieß (Kluckhohn a. a. O. 18). Er hat ähnlich wie der Staufenkaiser seine Selbständigkeit gerade auch in der Judenpolitik bewiesen, und gerade bei ihr haben die gegnerischen Anklagen eingesetzt. Selbst die Geschichtswissenschaft leidet darunter, daß der Herzog der Parteien Gunst verscherzt hatte; nicht ihm, sondern seinem Sohne, Ludwig dem Reichen, hat sie Kränze geflochten und damit den Schöpfer gegen den Nutznießer benachteiligt. Es ist eine grimmige Gegnerschaft gegen Herzog Heinrich, die aus dem erwähnten Brief des Dominikaners Kalteisen spricht. Eine ein- 113