Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 105 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landsnut. spitzten Formulierung. Denn eine Betrachtung der Urkunden macht die knappen Allgemeinbemerkungen der Chronisten ganz verständlich und daher eine Abschweifung in psychologische Fernen unnötig. Es ist keineswegs der Inhalt dieser Urkunden, der die Annahme rechtfertigen könnte, Herzog Heinrich habe die Juden mit Leidenschaft begünstigt („ardenter fovit"). Denn die Privilegien sprechen den Juden keinen größeren Schutz zu, als sie von allen Kaisern und Landesfürsten und vielen Päpsten immer wieder gewährt bekommen haben. Hingegen beweist die Zahl der von H. Heinrich erteilten Privilegien und der Umstand, daß sie sich über seine ganze Regierungsdauer verteilen, allerdings, daß er sich dauernd mit ihnen beschäftigt hat. Das erklärt sich aber zur Genüge aus der Feindseligkeit, mit der die Juden um jene Zeit sonst allgemein in Deutschland behandelt wurden, und der daraus sich ergebenden erhöhten Schutzbedürftigkeit. Aus zahlreichen Städten und Territorien waren sie damals schon vertrieben, aus anderen wurden sie es um jene Zeit. Ein anderer Grund für diese Haltung Heinrichs liegt in seiner Regierungspraxis. Von ihm wird ähnlich wie von Kaiser Friedrich III. berichtet, er sei „sein eigener Kanzler" gewesen, d.h. er habe seine Geschäfte selbst erledigt. Wenn desgleichen heutzutage als ein Zeichen von Arbeitsamkeit nicht als unfürstlich betrachtet wird, so galt es doch damals als ein unwürdiges Zeichen von Kargheit. Tatsächlich wird man annehmen müssen, daß Heinrich diese Gewohnheit aus der Zeit seiner Armut übernommen hatte, in der er selbst das seine zusammenzuhalten und zu vermehren trachten mußte13). Daß er sich mit dieser Wirtschaftspraxis weniger Freunde schuf als sein Sohn, der sofort nach seinem Regierungsantritt mit den „Circenses" und anderen Aeußerungen nach außen wirkender Prachtliebe — vermutlich in bewußter Opposition gegen die väterliche Praxis — sich die Bevölkerung freundlich stimmte, das ist zu begreifen. Hübsch pointiert und sachlich offenbar völlig erschöpfend berichtet Aventin, daß der Herzog „vast genau auf das gut gewesen" sei1*), und es ist kein rechter Grund ersichtlich, diese Pointe weiter zu spitzen und aus der Kargheit eine 2,schmutzige Habgier und Geiz" zu machen. Die oben im Wortlaut angeführten Quellen und besonders Ebran, der kein Hehl aus seiner Vorliebe für den glänzenderen Sohn macht15), lassen eine so weitgehende Ausdeutung nicht zu, es sei denn, daß man das „Gerede späterer nach Effekt haschender Chronisten" zu ernst nimmt16). Aufschlußreicher als diese alle mehr oder minder belle- 13) Wenn Kluckhohn („Ludwig der Reiche", Nördlingen 1865, S. 18) gegen die angebliche Kanzlerlosigkeit Heinrichs polemisiert und die überlieferten Namen seiner Kanzler nennt, so nimmt er das Bonmot zu wörtlich. Auch K. Friedrich hat ja seinen Kanzler gehabt. Es handelt sich unzweifelhaft um eine damals übliche Phrase zur Bezeichnung eines als geizig geltenden oder arbeitsamen Fürsten. 14) Aventin a. a. O., S. 540. 15) „Soll des lob, ritterlich und streitper händel nit zu künftigen Zeiten gedacht werden, krenket mein gemüt." (ed. Roth, a. a. O., S. 3). 16) Kluckhohn a. a. O., S. 19. 105