Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 99 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Die Judenpolitik Herzog Heinrichs des Reichen von Landshut. Schreiber geurlaubt aus seinem Lande am Sant Maria Magdelena Tag 1449 und am achten Tag danach zog er also von dannen". Papst Nicolaus V. und mit ihm sicherlich sein „magister palatii" hat sich im Sommer 1449 in Spoleto aufgehalten3), aus dieser Zeit muß also der Brief stammen. Eine so dringliche Zurechtweisung des Herzogs konnte nur von einem Manne ausgehen, der eine autoritative Stellung nicht nur überhaupt, sondern speziell im vorliegenden Fall beanspruchen konnte. Diese Autorität beanspruchte Kalteisen zunächst als magister s. Palatii. In diese Stellung wurden nur Dominikaner berufen, dieselben, zu deren besonderen Funktionen die Inquisition und die Propaganda durch Predigt gehörten. Auf die besondere Pflicht, den Juden das Evangelium zu predigen, hatte aber neuerlich erst wieder das Baseler Konzil (1434) hingewiesen, und an den Beschlüssen des Konzils hatten gerade verschiedene Dominikaner hervorragenden Anteil. Einer von ihnen, der Prior Johann Nider, hat 1431 den Münchener Herzogshof besucht, um eine Unterstützung der böhmischen Ketzer zu verhindern; Kalteisen selbst hat (später) den Kreuzzug gegen -die Türken in Regensburg, Eichstätt, Augsburg und Nürnberg gepredigt, und es ist wahrscheinlich, daß er dabei persönliche Fühlung mit Herzog Ludwig, Herzog Heinrichs Sohn, fand, der seinerseits 1454 an dem Kreuzzugs tag zu Regensburg teilnahm. Es bestanden also genug Beziehungen, die den päpstlichen Hoftheologen als befugt erscheinen ließen, dem Herzog Heinrich ein Verhalten zu wehren, das die Predigermönche in ihrer Predigtpflicht beeinträchtigte und den Beschluß des Konzils flagrant verletzte. Auf dem Konzil selbst hatte sich der Kardinal Peter von Ailly der Sache nach ähnlich, dem Sinn nach aber maßvoller geäußert4). Indessen ist die Verletzung des Konzilsdekrets, die dem Herzog zur Last gelegt wird, nicht das Wichtigste an Kalteisens Brief. Innerhalb der Kirche selbst waren solche Uebertretungen, und selbst recht skandalöse, nicht selten; unter den Laien, und gerade den weltlichen Fürsten, waren sie an der Tagesordnung. Daher erklärt die von Herzog Heinrich begangene Uebertretung allein die Heftigkeit der In- Arektive noch nicht. Der Hinweis auf Heinrichs Bereicherung durch Judenwucher, auf die niedrige Stellung der Juden in Rom und auf ihre Vertreibung aus England, Frankreich, Sizilien und Griechenland zeigt, was den Unwillen des ehemaligen Inquisitors am tiefsten erregte: Herzog Heinrichs gesamte Judenpolitik, in der die Verjagung 3) Siehe Pastor, Gesch. d. Päpste 1, 383. — Daß der Brief bei Stern, Urkundl.Beiiräge über die Stellung der Päpste zu den Juden (Kiel 1893), abgedruckt ist, habe ich erst verspätet feststellen können, weil das Buch in München nicht erhältlich war. Der abermalige Abdruck möchte hiernach gerechtfertigt sein. *) (Die Fürsten) sollen nicht aus schnöder Gewinnsucht in schändlicher Weise die Juden begünstigen, indem sie ihre Niederlassung unter ihren Untertanen gestatten, es sei denn, daß sie den Christen sich dienstbar machten durch Ergreifung des Ackerbaus oder anderer Gewerbe und Kunstfertigkeiten, nicht aber ■durch Wucher zum Schaden der Christen. (Nach Marx, Erzstift Trier, I. 505). 99