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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-07-01 · Heft 2 (Juli 1929) · p. Seite 94

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 2 (Juli 1929)
Article
Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie
Date
1929-07-01
Page
Seite 94 (sequence 6)
Language
German
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I. Elbogen. „Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie." der Juden als destruktiver Kraft, wie gegen ihre Erhebung zu einem besonderen Typ des nationalen Lebens. Alle diese Theorien sind rückschauend gebildet, der Historiker darf nur eines als Tatsache anerkennen, daß die Juden an allen sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts stets den größten Anteil genommen haben. Auf dieser Grundlage einer Geschichtsphilosophie baut der Verfasser seine Postulate an die jüdische Geschichtsschreibung auf, die sowohl an den Gebrechen der Universalgeschichte wie an denen der Einzelgeschichte krankt. „Denn sie ist die Geschichte eines einzelnen Volkes und trägt zugleich das Gepräge der allgemeinen Geschichte". Ferner ist die jüdische Geschichtsschreibung, da sie den Träger eines religiös-ethischen Gedankens zum Gegenstand hat, von jeher unter ganz gestimmte Gesichtspunkte gestellt worden. Was man für die alte Zeit als deuteronomistische Geschichtsschreibung bezeichnen kann, ist späterhin fortgesetzt worden, bis im Mittelalter die Geschichtsschreibung vollends verfiel. Im 19. Jahrhundert begann man die Lücke zum Altertum wieder zu schließen, aber auch hier scheiterte die Geschichtsschreibung an der Tendenz, eine bestimmte Mission des jüdischen Volkes nachzuweisen, sowie an dem Streben, das Judentum durch Verteidigung und Angriff zu verherrlichen. Was Graetz geschrieben hat, ist eher eine Geschichte der jüdischen Religion und Literatur als eine solche des jüdischen Volkes (S. 96). So berechtigt der Vorwurf sein mag, so wenig versteht man ihn bei unserm Verfasser, der vorher (S. 33) mit Graetz die Geschichte der Juden als die Geschichte einer geistigen Kultur anerkennt. Nachdem er dann eine keineswegs vollständige Uebersicht über die neuere Geschichtsliteratur gegeben hat, stellt er seine eigenen Forderungen an die Geschichtsschreibung zusammen (S. 97 f.): 1. Die jüdische Geschichtsschreibung muß ein wirkliches Bild des Lebens und Schaffens des jüdischen Volkes bieten. Sie darf nicht lediglich eine Geschichte der jüdischen Literatur oder Religion sein, sondern sie muß die Geschichte eines lebendigen Volkes, das auch heute noch auf der Bühne der Welt tätig ist, darstellen. Andererseits dürfen nicht modernen Tendenzen zuliebe auf künstlichem Wege in die jüdische Geschichte solche Elemente hineingetragen und in den Vordergrund geschoben werden, die tatsächlich im Leben des Volkes nur eine sekundäre Rolle gespielt haben. Die jüdische Geschichtsschreibung muß sich von vorübergehenden Strömungen und einseitigen Tendenzen politischer und sozialer Gruppen des Judentums freihalten und die in der Geschichtswissenschaft größtmögliche Objektivität erreichen. 2. Die jüdische Geschichtsschreibung muß sich von allen apologetischen und anklagenden Tendenzen befreien. Den Publizisten muß es überlassen werden, das jüdische Volk in Schutz zu nehmen. Wie stark ferner die Empörung des jüdischen Gewissens gegen seine ewigen Bedrücker sein mag, der Historiker muß seine Entrüstung in seinem Innern verbergen. Die objektive Darlegung des Kampfes des jüdischen Volkes um seine geistigen Werte spricht für sich selbst, ist das beste Verteidigungs- und Anklagemittel. 94

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