Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
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I. Elbojten. „Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie." bild der Entwicklung in dieser Zeit könne nicht gegeben werden, lediglich die Einzelstadien der Kräfteanhäufung und Konsolidierung, der Organisation des innern Lebens und der Pflege des geistigen Erbes der vorangehenden Epochen eignen sich zur Darstellung. Man sollte meinen, daß dies eine ganze Menge ist und dem Verfasser mehr Achtung abringen müßte, — aber für ihn erhält die jüdische Geschichte erst im letzten Jahrhundert wieder ihren Inhalt und Wert. „Erst nachdem die Juden emanzipiert und der allgemeinen europäischen Kultur und Wissenschaft teilhaftig geworden waren, konnten sie wieder ihre inneren Kräfte entfalten. Der Lebensreichtum und die schöpferische Mannigfaltigkeit der Juden im neunzehnten Jahrhundert erinnern an die Blütezeiten in der hellenischen und arabischen Welt. Die Juden nahmen in allen Ländern Europas tätigen Anteil am öffentlichen Leben, an allen Forschungsarbeiten, an allen politischen und sozialen Bewegungen. Daneben ging aber auch eine intensive Arbeit des selbständigen Gedankens vor sich: die westlichen Gelehrten leisteten eine ungeheure und mühselige Arbeit in der Errichtung des Gebäudes der allgemeinen jüdischen Geschichte und ebenso wurden Einzelgebiete des jüdischen Schrifttums erforscht. Unter den Ostjuden aber erwachte die hebräische Sprache zu neuem Leben in Prosa und Poesie. Nachdem die Judenheit im Osten vorübergehend assimilatorischen Strömungen gefolgt war, trat die jüdische Nationalidee hervor, die berufen war, das Volksleben zu regenerieren und zu vertiefen. . Allein die Periode des jüdischen Lebens nach der Emanzipation ist noch im Werden, man kann sie noch nicht überblicken, noch nicht sagen, ob das neunzehnte Jahrhundert einen Gipfelpunkt der Blüte oder nur ein vorbereitendes Stadium darstellt" (S. 65 f.). Die Annahme eines Ziels und Sinnes der Menschheitsgeschichte entstammt, wie der Verfasser in Beantwortung seiner letzten Frage ausführt, entweder der deduktiven Spekulation oder den Bedürfnissen des Gefühls. In diesem Sinne lehnt er alle Theorien, welche die Juden als „auserwähltes Volk" oder als „Ferment der Gärung" oder als „Mittler zwischen den Völkern auf geistigem Gebiete" betrachten, mit Entschiedenheit äb. Er verwirft sie auch, wo sie in verhüllter Form den Juden als den „höchsten Typus einer Nation" oder als eine „geistige Nation" bezeichnen, weil hier trotz ihrer scheinbaren Bekämpfung die metaphysische Hypothese ihre Anerkennung findet. Er betont in diesem Zusammenhang erneut, daß die Juden nicht nur die Lehrer, sondern auch die Schüler der Völker gewesen sind. Wenn er aber allzu entschieden alle Leistungen der Juden in nachbiblischer Zeit auf geistigem und ideellem Gebiet zu leugnen geneigt ist, so sollte er ihnen wenigstens nicht das Verdienst absprechen, das in der heroischen Bewahrung der biblischen Originaltexte und ihres Verständnisses liegt. Wenn Leroy-Beaulieu die Erklärung der Menschenrechte als Echo des Sinai anerkennt, so darf nicht übersehen werden, welche Opfer die Juden durch die Jahrtausende dafür gebracht haben, das Feuer des Sinai in seiner Reinheit zu erhalten. Aber abgesehen davon wendet sich unser Verfasser mit Recht ebensosehr gegen die Verunglimpfung 93