Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
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I. Elbogen. „Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie." die Frage vorlegte, ob sie ihre Feinde lieber reich oder arm sähen, und, als sie das letztere bejahten, weiter fragte, ob es dann nicht vernünftiger wäre, den Feind nur 6 Tage in der Woche arbeiten zu lassen und ihm nicht auch den siebenten Arbeitstag aufzuzwingen. Nach diesem Rezept wird man wohl immer froh gewesen sein, die ohnehin nicht gern gesehene wirtschaftliche Konkurrenz der Juden wenigstens an einem Tage der Woche ausgeschaltet zu sehen. Für einen heutigen Fabrikbetrieb mit vorgeschriebener Sonntagsruhe ist die Beschäftigung von jüdischen Arbeitern, welche den Sabbat zu beobachten wünschen, ein hartes Problem. Solange aber die Juden abgesondert lebten, spielte diese Frage überhaupt keine Rolle. Wenn die Juden in den Mittelmeerländern große Webereien und Färbereien in Betrieb hatten und, wie die hohen Seelenzahlen gewisser Gemeinden beweisen, sicher auch Massen jüdischer Arbeiter beschäftigten, so litten die Betriebe offenbar garnicht darunter. Als später Chr. W. Dohm die Aufnahme der Juden in den Bürgerstand befürwortete, wurde in den Erwiderungen auf seine Schrift fast allgemein die scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit der Sabbatheiligung hervorgehoben und mitunter in wahren Milchmädchenrechnungen die Zahl der Tage, an denen die Juden nicht arbeiten könnten, ins ungemessene gesteigert. Ein schon schwereres Hindernis bildeten die Speisegesetze, sie haben früh die gesellschaftliche Trennung von Christen und Juden veranlaßt oder ihr wenigstens als Vorwand gedient. Aber ein Problem waren sie das Mittelalter über nicht. Erst Shylock beginnt darüber nachzudenken, was für eine Wirkung die Absonderung von Speise und Trank auf den geschäftlichen und gesellschaftlichen Verkehr haben müßte, und in unsern Tagen hat dann eine bestimmte Richtung der israelitischen und jüdischen Geschichtsschreibung die Beobachtung der Speisegesetze als ein unverzeihliches Merkmal jüdischer Absonderung hingestellt. In keinem Falle aber ist es gerechtfertigt, dem jüdischen Gesetz eine solche Bedeutung als bestimmenden Faktor der jüdischen Geschichte beizumessen. Allgemeine Gesetze der historischen Entwicklung verneint unser Verfasser im Einklang mit der neuen psychologischen Schule, aber er erkennt eine gewisse Gesetzmäßigkeit des historischen Geschehens an und schließt sich hier Spenglers Theorie von der „Kreisbewegung der Geschichte" vollständig an. Das heißt, daß jeder Kulturtypus oder jede historische Form bestimmte Stadien der Entwicklung durchläuft. Demgegenüber unterscheidet er in der Geschichte der Juden vier Entwicklungszyklen, deren jeder das Stadium des Keimens, des Wachstums, der Entfaltung und des Verfalls durchläuft. Entsprechend wäre zu unterscheiden: der altorientalische, „der normalste Zyklus", der hellenistische, der arabische und endlich der europäisch-christliche Zyklus, der bei unserm Verfasser am alierschlechtesten wegkommt. In den 1000 Jahren seit Karl dem Großen hat er nichts Originelles geschaffen, Rechtlosigkeit, unerhörte Verfolgungen und Unterdrückung der Gedankenfreiheit hemmten jede eigene Leistung und einzig die Mystik darf als Erzeugnis jener Zeit angesehen werden. Ein Gesamt- 92