Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Elbogen. „Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie." lieh bei der Behandlung der zweiten Frage nach den treibenden Kräften oder den bestimmten Grundfaktoren der jüdischen Geschichte. Er sieht diese in der internationalen Lage des Volkes und seiner Ideologie (S. 35). Die „internationale Lage" zeigt sich darin, daß in dem alten Palastina ein kleines Volk entsteht, welches im Mittelpunkt des Weltgeschehens sich befindet und schon früh die Kunst lernen muß, fremde Kulturelemente aufzunehmen und von sich abzustoßen, und daß es diese Kunst später in einer weit ausgedehnten und lange dauernden Diaspora zu betätigen gezwungen ist. Mit vollem Recht hebt der Verfasser hier auch „die wohltätigen Einflüsse der Diaspora" hervor und betont, daß wir nicht nur, wie Achad Haam klagt, unsere Kräfte für Fremde hingegeben haben, sondern daß wir auch außerordentlich viel gelernt, geistige Energien gewonnen und genährt haben, daß durchaus nicht „die jüdischen Intellektuellen nur auf fremden Feldern arbeiteten, sondern gleichzeitig auch das eigene Feld bestellten". Unter „Ideologie" versteht er das jüdische Gesetz, er unterscheidet es vom „Judaismus", dem religiös-ethischen System der Juden. Namentlich das Gesetz nun übte einen nachhaltigen Einfluß auf das Leben des Volkes und sein Schicksal inmitten der Völker aus (S. 40). Diese Ideologie züchtet den spezifischen Typus eines exaltierten, weitabgewandten Menschen, der in die Feinheiten der Kasuistik vertieft ist und auch in das praktische Leben all seinen scharfen, durch die Dialektik überfeinerten Verstand hineinträgt. Sie spaltet das Volk in die privilegierte Kaste der Gelehrten und Wohlhabenden, die Muße zum Talmudstudium haben, und die breite Masse der Werktätigen, die sich in verachteter sozialer Lage befinden. Sie hindert auch die Verschmelzung des jüdischen Wirtschaftslebens mit dem allgemeinen und erhält überhaupt in allen Stücken die Absonderung der Juden aufrecht. Beide Faktoren scheinen unserm Verfasser weit mehr bestimmend für den Gang der jüdischen Geschichte als die Eigentümlichkeiten der jüdischen Wirtschaft und Psyche, von denen namentlich die letzteren eingehend analysiert werden. Hier scheint nun zunächst ein Widerspruch vorzuliegen, da der Verfasser einerseits die Wirtschaft als unwesentlich bezeichnet und andererseits in der von ihm angenommenen Ideologie einen für die Wirtschaft bestimmenden Faktor erblickt. Dazu kommt, daß die beiden Folgerungen, die er aus dem Vorhandensein der ^Ideologie zieht, ausschließlich der Gegenwart entnommen und für die Vergangenheit nicht maßgebend sind. Was er schildert, stammt aus Beobachtungen im heutigen osteuropäischen Ghetto, gilt aber keineswegs durchwegs für die Juden aller Zeiten und Länder. Die Beobachtung des Sabbats z. B. ist wohl heutzutage ein schweres Hindernis für die Entfaltung der Juden im Wirtschaftsleben und wird auch sehr häufig als Vorwurf gegen sie vorgebracht. In früheren Zeiten hielten sich die Gegner der Juden an Erwägungen, wie sie der Talmud in einem ähnlichen Falle schildert. Da heißt es, daß die römische Regierung einst mit der Absicht umging, die Sabbatheiligung zu verbieten, daß aber ein jüdischer Gelehrter sich verkleidet in den Senat einschlich und den versammelten Vätern 91