Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 2 (Juli 1929)
- Article
- Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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I. Elbogen. ..Probleme der jüdischen Geschichtsphilosophie/' Typus" der Nation, sondern stellte gemäß der Eigenart seiner internationalen Lage und seiner geistigen Entwicklung einen eigenartigen nationalen Typus dar" (S. 74) 2). Man sieht, daß hier die Einheit der jüdischen Geschichte in zeitlicher, die Einheit der jüdischen Menschen in räumlicher Beziehung, zugleich aber auch die enge Verknüpfung der jüdischen Geschichte mit der Universalgeschichte vorausgesetzt wird. „Der gegenseitige Zusammenhang der Evolutionen der verschiedenen Menschheitsgruppen, die gegenseitige Abhängigkeit und zeitliche Nachfolge verschiedener Kulturepochen wird heutzutage von keinem Historiker noch ernstlich bestritten" (S. 18). Der Verfasser, der mit der geschichtsphilosophischen Literatur aller Zungen, bis hinunter zu den Erörterungen über Spengler, vertraut ist — von jüdischen Autoren ist ihm u. a. Dünaburgs Einleitung zu seinen Toledot Jisrael (1925) entgangen —, entnimmt seinen Vorgängern diejenigen Thesen, die ihm für den Aufbau seiner eigenen Theorie brauchbar erscheinen; er huldigt nicht irgendwelchen Extremen, sondern wägt vorsichtig ab. Er greift aus der Geschichtsphilosophie vier Grundfragen heraus, die er in Anwendung auf die jüdische Geschichte aus deren eigentümlichen Charakter zu beantworten sucht, wobei er, wie schon bemerkt, in der Hauptsache auf die Tatsachen und den Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte im Altertum Gewicht legt. Die erste Frage, ob der Staat und das politische Leben oder die kulturelle und wirtschaftliche Tätigkeit der Völker den Hauptinhalt der Geschichte bilden, beantwortet er durch die Annahme der Bernheimschen Definition, daß die Geschichte „die Entwicklung der Menschen in ihrer Tätigkeit als soziale Wesen untersucht und in ihrem ursächlichen Zusammenhang darstellt". Für die jüdische Geschichte bejaht er die These von Graetz, daß die jüdische Geschichte vornehmlich eine Kulturgeschichte und vorwiegend die Geschichte einer geistigen Kultur ist. Er übersieht zwar nicht, daß auch die politische Tätigkeit des jüdischen Volkes nie erlahmt und die wirtschaftliche außerordentlich rege gewesen ist, sieht aber doch in den intellektuellen Elementen des Volkes und in seinen geistigen Führern die Hauptträger der geschichtlichen Entwicklung (S. 32 f.). Der Begriff Kultur ist so vieldeutig, daß man die verschiedenartigsten Ausstrahlungen unter ihm zusammenfassen kann, und der Verfasser will auch die Bearbeitung der geistigen, der politischen und der wirtschaftlichen Geschichte in keiner Weise beschränken, fordert aber doch, daß eine „allgemeine Geschichte" des jüdischen Volkes den Bestandteilen dieser Geschichte Rechnung tragen, d. h. also, nach seiner Auffassung, den geistigen Faktoren den Vorzug geben müsse. Die weitere Frage, ob nicht die geistige Entwicklung durch die politische und wirtschaftliche Lage bedingt ist, hat der Verfasser sich nicht vorgelegt. Oder vielmehr für die wirtschaftliche hat er es später direkt bestritten, näm- 2) Die wörtlichen Zitate geben ein Bild von der Uebersetzung, die bis auf einige Unebenheiten gut ist, aber solche Fehler wie z. B. die Namensform Busse statt Bousset (S. 371) dürften nicht vorkommen. 90