Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
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für die Juden höher als sonst — bemessene Einfuhr- und Akziszölle zu zahlen. Bereits im Jahre 1668 hatte die Stadt Leipzig die Einführung einer namentlichen Meldung der Juden zum Zwecke genauer Zollkontrolle versucht. In der Neujahrsmesse 1675 erließ dann der Rat zu Leipzig neue strenge Anordnungen. Jeder jüdische Messebesucher hatte am Tore einen Torzettel zu lösen und binnen 24 Stunden diesen auf der Wage gegen einen Angabezettel und auf der Gerichtsstube gegen einen Schutzgeldzettel umzutauschen. Den Angabezettel hatte er stets bei sich zu tragen und bei der Abreise wieder gegen einen Passierzettel einzulösen. Infolge dieser Bestimmungen wurde seit der Ostermesse 1675 bis zur Neujahrsmesse 1764 über alle jüdischen Meßgäste sorgfältig Buch geführt. Das sind jene Meßlisten, die sich im Dresdener Staatsarchiv erhalten haben. Nur die Namen derjenigen Juden fehlen in den Listen, welche — meist als sogenannte Hofjuden — seitens der Höfe, in deren Diensten sie standen, mit besonderen Frei- und Kammerpässen ausgestattet waren. Es waren natürlich die einflußreichsten und angesehensten Juden, die sich solcher Vergünstigungen seitens königlicher und fürstlicher Herren erfreuen durften. Durch ihr Erscheinen und -ihre Tätigkeit ist naturgemäß das Messebild am stärksten beeinflußt worden. Umso bedauerlicher daher für die wissenschaftliche Forschung, daß diese wichtige Seite ihres wirtschaftlichen Einflusses nicht ebenfalls durch Registrierung auch in den Messebüchern festgehalten worden ist. Nach Ausweis der Meßlisten haben in den 89 Jahren, die sie umfassen, abgesehen von den nicht angeführten, weil mit Freipässen versehenen Messefahreren, 81937 Juden die Leipziger Messen besucht, darunter 59 264 selbständige Kaufleute und 22 673 Frauen, Diener, Mäkler und Musikanten. Allein an Leibzoll sind während dieser Jahre von den genannten Meßgästen der Regierung und der Stadt Leipzig zusammen rund 719 661 Taler entrichtet worden. Freudenthal gibt auf Seite 21 für die einzelnen Jahre eine überaus interessante statistische Uebersicht über die Zahl und Herkunftsländer der jüdischen Meßgäste unter Berücksichtigung auch der Anzahl der vertretenen deutschen und außerdeutschen Gemeinden. Das Hauptkontingent der jüdischen Messebesucher liefern jederzeit die deutschen, böhmischen und mährischen Judengemeinden, auch das Ausland ist vertreten. Den weitaus stärksten Messebesuch stellen dauernd Dessau, Halberstadt und Prag. Natürlich ergeben sich infolge der politischen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen (Pestjahre!) Verhältnisse starke Schwankungen im Messebesuch. Aber trotz aller dieser und ähnlicher Hemmungen, namentlich auch vielfach ungünstiger Bestimmungen hinsichtlich des Messebesuches, zog doch der Aufschwung, welchen der Leipziger Messehandel nahm, auch die jüdischen Meßgäste immer von neuem an und sie trugen durch die Zunahme ihres Besuches und ihrer Waren zu der allmählich entwickelten und bis auf die Gegenwart behaupteten beherrschenden Stellung der Leipziger Messen gewiß auch ein gut Teil bei. Das ist das Bild von dem Anteil der Juden an der wirtschaftlichen Entwicklung der Leipziger Messen, welches das Studium der Leipziger Meßlisten entrollte. Freudenthal hat es mit anschaulichen Farben und mit zahlreichen Einzelheiten auf Grund feiner Beobachtung in seiner ausführlichen Einleitung vortrefflich zur Darstellung gebracht. Damit ist aber Quellenwert und wissenschaftliche Bedeutung der von Freudenthal in langjähriger, mühsamer und entsagungsvoller wissenschaftlicher Kleinarbeit zusammengetragenen und nach Orten, innerhalb dieser nach Personennamen geordneten Verzeichnisse der jüdischen Besucher der Leipziger Messen noch lange nicht erschöpft. Auch für die Kultur- und Sittengeschichte enthalten die Meßlisten viele wertvolle und interessante Angaben. Hier sind Träger berühmter Familiennamen (man vergleiche z. B. S. 7 f. Anm. 2) und Persönlichkeiten von angesehener Stellung in ihrer Heimatgemeinde zu treffen. Und nicht weniger sind kulturgeschichtlich von Belang die zahlreichen jüdischen „Künstler", die genannt werden, Musikanten, Taschenspieler, Gaukler, Seiltänzer und dergleichen mehr. Zu Freudenthals Erwähnung von Köchen, Köchinnen und Kuchenbäckern, die sich ebenfalls auf den Messen einstellten, sei eine Ergänzung angemerkt als kleine neue No- 70