Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Article
- Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 10 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte. kennbar ist ein Gedanke, der bei Bücher14) und Liebe15) bei annähernd gleichem Inhalt verschieden formuliert ist. Diesmal ist es eine Wendung ins Soziologische. Liebe weist darauf hin, „daß die Juden trotz ihrer stellenweise bis ins 13. und 14. Jahrhundert währenden Unangefochtenheit die Gelegenheit, im deutschen Volke aufzugehen, nicht ergriffen". Bücher stellt fest, „daß die Juden in der Zeit, als freie Wirtschaft war und als sie den übrigen Bevölkerungsklassen gleichgestellt waren, was beides bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Frankfurt der Fall war, sich nicht anderen Beschäftigungen und Nahrungszweigen, sondern ausschließlich dem bequemen Wucher zugewendet haben". In der allgemeineren Liebeschen Version ist der Gedanke darum abzulehnen, weil ein „Aufgehen im deutschen Volke" damals die Bekehrung zum Christentum zur Voraussetzung gehabt hätte,16) und dieses selber noch ein junges Reis in deutschem Boden, noch zu sehr mit altnationalen Ueberlieferungen verknüpft war, als daß ein „Aufgehen" von der einen Seite hätte erstrebt, von der anderen bewilligt, oder von einer von beiden Seiten nur hätte ins Auge gefaßt werden können. Tatsächlich ist denn auch weder bei einem Berthold von Regensburg oder Bernhard v. Clairvaux, noch bei einem der vielen anderen, die sich damals über Juden geäußert haben, nur die geringste Andeutung eines Strebens nach Auflockerung der Bindungen — der vielfach belegte Bekehrungseifer hat natürlich nicht dieses, sondern ein rein religiöses Ziel im Auge gehabt —, und man kann nicht annehmen, daß die spätere Ausdehnung dieser Bindungen gerade auch aufs bürgerliche Wirtschaftsleben eine revolutionäre Entwicklung gewesen sei und nicht schon in der vorausgegangenen Zeit ihre Wurzeln gehabt hätte. — Die beschränktere und präzisere Version Büchers hätte hingegen zur Voraussetzung, daß die Wirtschaft nicht nur de jure, sondern auch de facto „frei" gewesen wäre, d. h. auch frei von allen ungeschriebenen, durch Religion, Sitte, Familienzusammenhänge geschaffenen Bedingungen der menschlichen Seele. Daß das im Mittelalter nicht der Fall war, ist allgemein bekannt. Es sind ja sogar noch heute in der Zeit einer vergleichsweise sehr großen Abschleifung aller traditionellen Bindungen und zur Zeit einer wahrhaft „freien Wirtschaft" einige Berufe den Juden de facto mehr oder minder verwehrt. Es wäre gewiß töricht anzunehmen, daß so ernsten Forschern die Brüchigkeit und methodische Unzulässigkeit einer solchen Argumen- **) a. a. O. 586. Der Gedanke findet sich schon einmal in den 60er Jahren ausgesprochen. Leider ist der Autor meiner Erinnerung nicht gegenwärtig. lö) „Das Judentum", S. 32. ") So auch Caro, S. 452, und Liebe in Westdt. Ztschr. 1893, 354. Wenn letzterer meint, es sei „auffällig, daß seitens der Juden kein Versuch gemacht wurde, zwischen der wirtschaftlichen Ueberlegenheit und der sozialen Mißachtung durch Uebertritt eine Brücke zu schlagen", so ist zu bemerken, daß das nur vom Blickpunkt der Gegenwart aus mit ihrer Lockerung der traditionellen Begrenzungen „auffällig" wäre. 10