Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Article
- Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 9 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte. als „nationale Eigentümlichkeit" — also mit einer Wendung ins Ethnologische — erklärt. — Viel weitergreifend und entschlossener ist Max Webers Wendung ins Psychologische, wenn er (Wirtschaftsgeschichte S. 176) von den Juden sagt: „Besonders wurde bei dieser Wendung zum Handel der Geldhandel bevorzugt, weil er allein die volle Hingabe an das Gesetzesstudium ermöglichte. Es sind somit rituelle Gründe, welche die Juden auf Handel und speziell den Geldhandel verwiesen haben, der also rituell abgeschlossener Stammes- oder Volkshandel ist" und an anderer Stelle der Geldhandel der Juden geradezu auf „rituelle Gründe" zurückführt (S. 306). (Aehnlich hat sich auch Bücher a.a.O., Seite 586 geäußert, wo die Bequemlichkeit des Wuchers als Grund für seine Bevorzugung durch die Juden angenommen wird). Diese ethnologischen und psychologischen Deutungen gehen außerordentlich viel weiter als — auf Grund eines an Umfang und Qualität zweifelhaften Quellenmaterials — der historischen Forschung zu gehen gestattet ist. Historische Erscheinungen, wie z. B. der sog. Judenwucher eine ist, müssen zunächst — aus den Quellen — historisch erklärt werden. Erst wo das geschehen ist, können psychologische und andere Deutungen bereichernd wirken. Bedenklich werden diese aber, wenn sie an die Stelle der histo rischen Erklärung treten. Man würde nicht leicht auf den Gedanken kommen, andere historische Erscheinungen des deutschen Mittelalters, wie das Ritter- und Raubrittertum, das Fehde- und Fehmewesen und so vieles andere durch „nationale Eigentümlichkeit" oder durch andere theoretische Erwägungen zu erklären. Bei diesen Erscheinungen gibt es gar kein Bedürfnis nach solcher weitgreifenden Deutung, weil die Tatsachenhintergründe so weit geklärt sind, daß Ursachen und Wirkung deutlich hervortreten. Sobald das hinsichtlich der jüdischen Wirtschaftstätigkeit12) geschehen sein wird, wird sich auch hier das Bedürfnis zu Allgemeindeutungen weniger geltend machen. Erst dann wird auch mit größerer Sicherheit deutlich werden, inwieweit die aufgestellten Theorien in den Tatsachen begründet sind.13) (Selbstverständlich sind auch viele Forscher innerhalb der Sphäre der Geschichtswissenschaft geblieben und demzufolge einer solchen übergreifenden Ausweitung und sachlichen Verschiebung der Probleme ferngeblieben. Als Beispiel sei auch hier auf eine ältere, und heute als „klassisch" zu betrachtende Formulierung hingewiesen: die von Döllinger in seiner Akademierede von 1881. Der methodisch-kritische Zweck unserer Ausführungen hat zur Folge, daß wir auf die vielen wertvollen Arbeiten, die innerhalb der durch die Sache gesetzten Grenzen bleiben, auch dann nicht hinweisen, wenn sie wichtige grundsätzliche Gesichtspunkte enthalten). Viel seltsamer als jene psychologischen Notbehelfe und durch seinen Mangel an ausdeutendem Eigenwert als Verlegenheitsgeste unver- 12) Wie für die fränkische Zeit durch Hahn geschehen. 1S) Wir werden in einer der nächsten Nummern dieser Zeitschrift Gelegenheit haben, auf diese Frage in spezifizierten Zusammenhängen zurückzukommen. 9