Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Article
- Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 11 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte. tation ex posteriori entgangen wäre. Nicht als die sorgfältig abgewogene wahre Meinung dieser Gelehrten kann man diese Aeußerungen — ohne ihnen Unrecht zu tun — auslegen, sondern als eine etwas gewalttätige Beseitigung letzter Zweifel, solcher Verlegenheiten etwa, wie sie der Buchhalter bei der Bilanzaufstellung vertuschen muß, wenn die Einzelbuchungen undeutlich sind, und wenn er die letzteren selbst nicht neu überprüfen will oder kann. Weil aber diese Hervorkehrung „historisch-dogmatischer" Begriffe und Hintansetzung des klaren Geschichtsbildes methodisch verfehlt ist, bringt sie auch falsche Ergebnisse, indem sie den Weg zur Einzelbetrachtung der Tatsache verlegt und diese schon von vornherein damit belastet, eine Trägerin von Begriffen zu sein. Wohin das führt, kann uns jene Diskussion zwischen Roscher und Bücher lehren. Wenn wir nämlich — ohne alle Theorie — die Judenvertreibungen näher ansehen, so werden wir solche erkennen, in denen weder der Wucher noch der Neid des nationalen Handelsstandes die „Hauptursache" gewesen sein können. So ist es zweifellos bei vielen Vertreibungen, die nicht von Bürgern, sondern von Fürsten ausgegangen sind. Religiöse Motive — bei denen der „Judenwucher" nicht etwa ausschlaggebend mitgewirkt hat — vermischen sich hier mit Habsucht, dagegen kann in jener Zeit landesväterliche Fürsorge für die ausgewucherten Untertanen nicht erheblich mitgewirkt haben. „Hauptursachen" werden sich — wenn überhaupt — nur bei genauer Betrachtung des Einzelfalls ergeben. Vorzeitige und nur aus wenigen Einzelfällen abgezogene Abstraktionen (Bücher) werden dabei eher hinderlich, als förderlich sein. F1 a u b e r t soll einmal den Schriftstellern den Rat gegeben haben, jeden Gegenstand solange anzuschauen, bis er keinem anderen mehr gleicht. Diesen Ausspruch hat der Kunstgelehrte Max J. Friedländer17) einmal auf die bei der der wissenschaftlichen Betrachtung von Bildern erforderliche Methode angewandt. Für die Betrachtung (und Gewinnung!) richtiger Geschichts bilder muß man diesen Rat ebenfalls befolgen. Man tut es ja im allgemeinen auch. Aber hinsichtlich der jüdischen Geschichte hat man diesbezüglich bisher zu wenig getan. Wenn man es auch hier in ausreichendem Maße tut, dann könnten die Schwierigkeiten, die in der bedauerlichen Einseitigkeit der Quellen liegen, statt durch Verallgemeinerungen vertuscht, durch Detailbetrachtung verdeutlicht werden. Die Losung muß also lauten: Kleinarbeit! Ein auf diese Art wissenschaftlich besser gesichertes Bild der wirtschaftlichen Tätigkeit der Juden wird dann vielleicht die Verbindungen erkennen lassen, die von hier zu der geistigen Kultur der Juden führen, und uns über jene sonderbare Vorstellung von einer Unverknüpftheit der geistigen und materiellen Kultur hinausbringen. Da- 17) Kunstchronik 1921, Nr. 30. 11