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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1929-03-01 · Heft 1 (März 1929) · p. Seite 8

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1929-1930
Issue
Heft 1 (März 1929)
Article
Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte
Date
1929-03-01
Page
Seite 8 (sequence 5)
Language
German
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Raphael Straos. Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte. nicht aiuf Quellenforschung, sondern auf historische Analogieschlüsse zurückgehe. Das Bezeichnende an dieser Erörterung ist, daß sie noch heute — ca. 50 Jahre nach dem Erscheinen von Büchers und Roschers Betrachtungen — kontrovers geblieben ist, während in derselben Zeit viel andere historische Fragen grundsätzlicher Art zur Ruhe gekommen sind.10) Es ist eine bekannte und wohlbegreifliche Erscheinung, daß die grundsätzlichen Erwägungen da eine besondere Rolle spielen, wo die tatsächlichen Beweise fehlen oder zweifelhaft sind. Auf diese Weise erklären sich sowohl die „Analogien" Roschers als auch die kritische Unachtsamkeit Büchers.u) Auf diese selbe Weise erklären sich aber auch die zahlreichen anderen theoretischen Erwägungen, mit denen man die jüdische Wirtschaftstätigkeit der Vergangenheit hat aufklären wollen. Anderen historischen Erscheinungen gegenüber, über die die Quellen selbst — unbedenkliche oder aus sorgfältiger kritischer Betrachtung gewonnene — Aufschlüsse geben, hat man dieses Verallgemeinerungsbedürfnis erst nach der Prüfung des Tatsächlichen und Rein-Geschichtlichen empfunden und befriedigt. Daß das in den Zusammenhängen der jüdischen Geschichte anders ist, wird außer den oben behandelten Auffassungen bewiesen durch manche andere grundsätzliche Betrachtung. Daß Sombarts Anschauungen von der historischen Wirklichkeit weit wegführen, ist vielfach nachgewiesen worden. Mit Recht hat man gezeigt, daß die jüdische Wirtschaftstätigkeit für die historische Forschung so wenig gegenständlich (in ihren spezifischen Erscheinungen) gar nicht ist, daß es nötig oder zulässig wäre, über die Tatsachen hinaus einen solchen Riesenbau von Theorie und Phantasie zu errichten. Aber auch andere haben die Phantasie oder sachfremde Allgemeinerwägungen herangezogen, um die Lücken, die das historische Material offen läßt, — in methodisch unzulässiger Weise — zu schließen. Zurückhaltend äußert sich die Verlegenheit bei O. Stobbe („Die Juden in Deutschland", S. 234), der die Neigung der Juden zum Wucher 10) Noch 1911 — also vor relativ kurzer Zeit — hat v. Below jene Hahn'sche Dissertation über die Juden im fränkischen Reich schreiben lassen. Die grundsätzlichen Erörterungen standen in Blüte, lange bevor die sachliche Fundierung vorhanden war, die auch heute noch nicht durchaus gegeben ist. — Ehrenberg (Hdw. d. Staatswiss. s. v. Banken) schließt sich durchaus der Auffassung Roschers an. Dagegen hat Roschers eigenes Werk (System der Volkswirtschaft), in den Bearbeitungen von Stieda, einen entschlossenen Frontwechsel vorgenommen, zaghafter in der 7. Auflage (1899) die unter, wörtlicher Anlehnung an Bücher, den Leitgedanken Roschers ganz unterdrückt, aber seine begründenden Anmerkungen noch stehen läßt. In der 8. Auflage (1917) sind dann auch diese verschwunden. 1X) Auf die Unmöglichkeit, aus unzureichendem Material zu sicheren Allgemeinfolgerungen zu gelangen, ist — meist von Historikern gegen Nationalökonomen — in älterer und neuerer Zeit gerade auch in den Zusammenhängen der jüdischen Wirtschaftstätigkeit öfter hingewiesen worden: so von Lamprecht (Wirtschaftsgeschichte II, 608) und von Keller (Vierteljahrsschr. f. Sozialu. Wirtschaftsgeschichte 1912, S. 186ff.). — In anderen Zusammrner.hängen hat der Rechtshistoriker Rietschel (gegen Seeliger) auf die Gefahren vorzeitiger Verallgemeinerung hingewiesen (MJOe G. 27). Die Versuchung ist, ebenso wie die Verantwortung, bei den führenden Gelehrten am größten. 8

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