Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Article
- Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 7 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte. „insolentia Judeorum" Nachdruck erhalten durch die den praktischen Lebensinteressen entstammenden Klagen der Laien. Aber gerade gegen der Suggestionsgefahr, die von dieser überwältigend massiven Gegnerschaft ausgeht, ist es um so wichtiger, sich durch ausreichende Kritik zu salvieren.3) Auch hier ist das verhältnismäßig naheliegend und einfach bei Schriften, die nach der Art von Agobards Schrift einen praktischen Zweck zu Ungunsten der Juden verfolgen. Das sind vielfach reine Parteischriften, und der Historiker muß sie so lesen, wie ein Richter eine Klageschrift. Vielfach sind solche Klageschriften von größtem Interesse, aber oft geben sie mehr Aufschlüsse über das sich äußernde als über das betroffene Subjekt, d. h. über die Kläger als über die Beklagten. Mit Recht erklärt v. Below (HZ. 1912, 619) aus Anlaß der Besprechung der Uebertreibungen des Sombartschen Buches: „Ohne Bedenken verwertet S. Klagen christlicher Kaufleute über den Umfang des jüdischen Handels, ferner Beschwerden einer Bevölkerungsgruppe bei Austreibung der Juden, wenn er die große Bedeutung des Judentums feststellen will".*) Die erforderliche Kritik ist aber gleichwohl häufig vernachlässigt worden. So hat Karl Bücher5) zwar selbst gesehen, daß in den Klagen, die gegen die Juden anläßlich des Fettmilchauf stand es erhoben wurden, „manches Ungereimte" enthalten war, hat aber gleichwohl die Quelle so benützt, als ob sie vollgewichtig wäre und sogar seine sehr weitgehend Allgemeindeutung, daß der Wucher der Juden der „Hauptgrund" der Judenvertreibungen gewesen sei, mit auf sie gegründet.6) Noch heute wird diese Ansicht Büchers der entgegengesetzten Roschers7) als klassisch gegenübergestellt,8) (die dahin gehet, daß der erwachende deutschchristliche „nationale Handelsstand" die Juden aus ihren Positionen durch Vertreibung herausgeworfen habe. Bücher wirft nun Roscher seinerseits methodische Unachtsamkeit vor,9) weil dessen These gar 3) Die Massivität und dadurch hervorgerufene Suggestionskraft der Anklagen gegen die Juden hat zur Folge, daß auch eine an sich geringe methodische Schwierigkeit nicht immer bewältigt worden ist. Das Mittelalter hat bekanntlich, da jeder Zins als Wucher galt, auch den Zins in geduldeter Höhe als „Wucher" bezeichnet. Umgekehrt unterscheidet der moderne Sprachgebrauch und Sachbegriff je nach der Höhe den (erlaubten) Zins vom (unerlaubten) Wucher. Es wird in den seltensten Fällen festzustellen sein, was ein mittelalterlicher Autor, der vom „Wucher" der Juden spricht — z. B. „propter usuras vexabantur" — gemeint hat: ob (im modernen Sinne) Zins oder wirklich Wucher. Stillschweigend die erstere Bedeutung zu übergehen — so z. B. Bücher S. 589 u. Hahn a. a. CX, S. 105 — ist bereits eine Interpretation der Quellen, die der Begründung bedürfte. *) Dementsprechend zurückhaltend äußert v. Below seine eigene Meinung. Dagegen hat Sombart (S. 157) in der Massivität der Klagen — als „consensus omnium" charakterisiert — die der Kritik drohende Gefahr zwar erkannt, aber doch verleugnet, soweit seine eigene Theorie davon betroffen worden wäre. Im Effekt hat er also die Quellen, trotz ihrer fühlbar allzumenschlichen Einflüsse, ganz voll genommen. 5) „Die Bevölkerung von Frankfurt a. M.", S. 588. e) das. 591. ') Zs. f. d. gesamte Staatswissenschaft, 1875. 8) v. Below in Hdw. d. Staatswissenschaften s. v. „Bürger". 3) a. a. O. 589. 7