Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1929-1930
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Article
- Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Raphael Straus. Zur Forschungsmethode der jüdischen Geschichte. Kontrahenten verbliebenen — und diesen erhaltungswürdig erscheinenden — Schriftstücke konserviert geblieben, und auch diese natürlich nur in verhältnismäßig geringer Zahl (weil es sich selten um Urkunden öffentlich-rechtlicher Bedeutung handelte). So sind also auch diese Quellen ihrer Herkunft nach einseitig. Das braucht keine Bedenken zu erwecken, soweit es sich um reine Tatsachenberichte handelt, und besonders wenn diese in Rechtsformen gekleidet sind, wie Privilegien, Schuld- und Gerichtsbriefe. Die Einseitigkeit wird aber sehr fühlbar, wenn es sich um urteilende Schriften handelt, und das ist der Fall bei den zahlreichen Meinungsäußerungen, die sich in Chroniken, Klageschriften, Briefen und in den Motiven für Gesetze oder individuelle Rechtshandlungen vorfinden. Gerade diese Quellen hat man aber meistens nicht mit der Vorsicht behandelt, die sie ihrer Einseitigkeit wegen verlangen. Das ist psychologisch verständlich, denn, wenn man es tut, riskiert man vielleicht den Verlust vermeintlicher sicherer Grundlagen. Es ist aber trotzdem unvermeidlich, dieser Einseitigkeit der Quellen Rechnung zu tragen. In besonderem Grade ist diese Kritik erforderlich gegenüber zwei Quellengattungen, deren eine vorwiegend im früheren Mittelalter, deren zweite hauptsächlich im späteren Mittelalter vorkommen. Die erstere ist die von christlichen Geistlichen herrührende Literatur, wozu fast die ganze frühmittelalterliche Literatur gehört. Es ist an sich schon prekär, wenn man für wirtschaftliche Vorgänge auf die Berichte von Geistlichen angewiesen ist, und besonders jenes aktivistisehen Teiles des Clerus, dem die bürgerliche Tätigkeit überhaupt nur als unvermeidliches Uebel galt, und die gerade von diesen kritischen Gesichtspunkten aus die bürgerliche Tätigkeit der Juden besonderer Aufmerksamkeit würdigte. Jenen aktivistischen und der jüdischen Wirtschaftstätigkeit sehr abholden fränkischen Bischöfen Agobard und Amulo, deren Schriften zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte der Juden im früheren Mittelalter zählen, stand eine große Anzahl weniger aktiver Cleriker gegenüber deren Urteil über die Juden wir zwar nicht kennen, aber wegen verschiedener Anzeichen als freundlicher ansehen könnten.2) Insoweit sich nun unsere Geschiehtskenntnis auf diese beiden Bischöfe stützt, werden wir uns bewußt bleiben müssen, daß auch im günstigsten Fall das Maß unserer Kenntnis bestimmt wird durch das, was die Bischöfe im Interesse ihrer polemischen Zwecke zu berichten für gut erachtet haben. Solche stark subjektive Aeußerungen von Clerikera oder clerikal gesonnenen Laien hat es nun zu allen Zeiten sehr viele gegeben. Die zweite Art dieser kritisch zu behandelnden Quellen besteht in Aeußerungen christlicher Schuldner gegenüber jüdischen Gläubigern. Es hat etwas Ueberwältigendes, wie die zahlreichen auf weltanschaulicher Grundlage beruhenden geistlichen Klagen gegen die 2) Aronius No. 11 ff., 34 u. a. m. — In so eindeutigen Fällen wie Agobards „De insolentia Judeorum" ist die kritische Methode in der Wissenschaft stets angewandt worden, aber selbst hier nicht immer zureichend (z. B. Hahn, Wirtschaftliche Tätigkeit, S. 27 u. a.). 6