Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüdische Dinge
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 379 (sequence 5)
- Language
- German
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Schnapper-Arndt, Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüd. Diuge. 379 aufmannyschen Style: der Athem daran zu denken seh verloren. Der Athem zu denken! Welch ein physiologisches Paradoxon? Bev Tische ereignete sich ein Vorfall, den ich ob er zwar ernsthaft war doch hhperkomisch nenne; um meinen Glaubensgenossen zu zeigen, daß ich neben meiner Medicin auch griechisch erlernt habe. Rühmlich nach den Gesetzen der Philosophie und Religion ist uns Juden versagt mit unbedecktem Haupte zu beten und zu essen. Wie diese behden ganz heterogenen Actionen hier zusammenraffen ist schwehr zu erklären, da man in der theologischen Anatomie und Physiologie noch soweit zurück ist. Also wir saßen alle mit dem Hut auf dem Kopfe. Nun trat plötzlich und unangemeldet — denn das Frankfurther Christentum setzt voraus daß die Inden activ und passiv wenig aus Höflichkeit zu halten pflegen — der Hausarzt in die Stube. Wir Herrn griffen eilig nach den Hüten, um sie abzuziehen. Die Dame des Hauses aber, die eine Haube trug, welche mit einem Blumengarten und vielen Perlenschnüren geziert war griff — aus einem Nachahmungstriebe, den man in Hoffbauers ^) unsterblicher Psychologie prächtig erklärt findet — ebenfalls nach ihrem Kopse, und riß die Haube mit allem herab. Ihr lHaar^) fiel wild herab, die Blumen lagen auf dem Tische herum, und gaben dem Mahle ein ländliches Ansehen, die Perlen schwammen in der Suppe, die Haube aber selbst versteckte sie hinter einem Brod. Das waren alle die Begebenheiten eines Augenblicks, als aber die arme Frau sich besann, erschrak lsieZ ^) heftig, winkte ihrem Manne, fiel in Ohnmacht und schlug mit Händen und Füßen herum. Dieser verstand sie sogleich machte ein betrübtes Gesicht, und sprach wie folgt: Lieber Herr Doktor, ich habe Sie rufen lassen wegen meiner Frau, sie hat seit einer halben Stunde ihre Krämpfe widerbekommen, aber viel ärger wie sonst, und ich fürchte es ist etwas fallsüchtiges dabeh. Der Doktor fühlte den Puls fand ihn schwach und verschrieb ein krampfstillendes Mittel. Ich habe die Geschichte deswegen erzählt um zu beweisen, daß kein Jude sobald in Verlegenheit kommen wird, daß sie als die feinsten Menschenkinder schnell die Fälle übersehen und sie berechnen, so daß sie nichts überrascht. Der Doktor mit dem ich nachher über die Krankheit der Dame sprach, sagte mir, daß die Judenmädchen sehr gefallsüchtig wären. . . . Weniger genau als von der soeben mitgetheilten Piece läßt sich die Entstehungszeit einer philosophischen Abhandlung bestimmen, von welcher nur ein gebrochenes, bis herunter beschriebenes Quartblatt, 14 Sätze enthaltend, vorhanden ist. Immerhin ist es nicht unwahrscheinlich, daß dasselbe aus der zweiten Gießener Epoche stamme. Ob überhaupt Börne die Abhandlung jemals über die 14 Sätze hinaus gebracht hatte, läßt sich nicht sagen; ebensowenig kann man bei der in Gegensätzen vorgehenden dialektischen Darstellungsweise ein sicheres Urtheil über die Synthesis abgeben, zu welcher der Autor aus den nur vorläufig aufgestellten Sätzen gelangt sein würde. 2) Johann Christoph Hoffbauer, während Börnes Studienzeit ordentlicher Professor der Philosophie in Halle. 2) Das eingeklammerte Wort fehlt im Original. 2) S. o. 25*