Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüdische Dinge
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 378 (sequence 4)
- Language
- German
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378 Schnapper-Arndt, Jugendarbeiten Ludwig Mrne's über jüd. Dinge. das bedeute? und ich hörte folgendes: Es hatte die Köchin dieses Mannes einige Töpfe mit Speisen gehöhlt aus dem allgemeinen Backhause der Juden. Damit aber ihre eignen Töpfe mit andern nicht verwechselt werden können, hatte sie zum Merkzeichen auf jeden Deckel ein Kartenblatt gelegt. Da nun aber des Tages grade Ostern war, an welchem wie bekannt die Juden nichts gesäuertes essen dürfen, so hätte das Kartenblatt als mit*) Pappe zubereitet, durch die Berührung mit dem Topfe worin die Speisen lagen, letztern selbst verunreinigt, und ungenießbar gemacht für solche die vom ächten Geiste des Judenthums erfüllt seine Grundsätze nicht vernachlässigen. Als nun der Herr seine Köchin auf der Strafe antraft, und diesen Gräul sah in Israel, brach er in die obenerwähnten Klagen aus, begleitet von den beschriebenen Handthierungen. Da nun aber die Verdammung der Speisen noch nicht ganz ausgemacht war, wurde der Fall dem Rabbiner zur Entscheidung vorgelegt. Die Sentenz war wolgendermaßen: Wenn das Kartenblatt mit der Bildseite aus dem Deckel lag, so sind die Speisen rein, denn die Farbe giebt gleichsam eine Mauer ab, durch welche die Partikelchen des Kleisters nicht in den Topf dringen können, da ohne dies noch der Deckel dazwischen liegt. Wenn hingegen die Karte mit der unbemahltev Seite auf dem Topfe lag, so ist die Berührung zwischen dem Kleister und dem Deckel zu innig, als daß nicht die Speisen dadurch sollten verunreinigt werden. Es ist eine chemische Subtilität die ins weite geht und man sieht daß die theologische Chemie eine Wissenschaft ist, die verdient systematisch abgehandelt zu werden^). Die Karte lag unglücklicher weise noch mit der weißen Seite darauf, die Magd aber war gewand genug sie schnell herum zu drehen und sprach jetzt dürfen wir's essen, nicht wahr, Herr Rabbiner? Dieser aber sagte: nach Belieben, geht nach Hauße und laßts euch schmecken. Voller Ehrfurcht für die Weisheit und den Scharfsinn unseres Rabbiners, ging ich zu meiner Gesellschaft zurück, diese hatte recht mit Sehnsucht auf meinen Bericht gewartet, und ich erzählte alles getreulich, was sich ereignet hatte. Nun da die Mittagsstunde herangenaht war, ward ich von verschiedenen Herrn und Damen gefragt ob ich die Ehre haben wollte ihr Gast zu sein. Auch nahm ich die Einladung eiues jungen Mannes an, der mir merkwürdig war, weil er die Reisen des Anacharsis und Gibbons 3) römische Geschichte schon zwehmal und Nathan den Weisen noch gar nicht gelesen hatte. Welches letztere Buch jeder Jude der auf Bildung anspruch macht ein paar Dutzend mal liest und es als das schönste Kunstwerk bis in den Himmel erhebt, wenn er auch kein Wort davon versteht, und sich noch so sehr dabeh ennuhirt. Bei Tische wurde viel gesprochen über die Tendenz des jüdischen Sanhedrin's in Paris. Ein Kind that die kindische Frage was das Sanhedrin für ein Landsman seh, und ob es einen Bart hätte? Auf einige Ideen die ich äußerte über die Mittel zur Reconstitution*) des jüdischen States, erwiederte mein Liebhaber des Anacharsis im ächt!) Es stand ursprünglich „aus" statt „mit". 2) Durchstrichene Fassung: „daß die theologische Chemie eben so unentbehrlich als die Dogmatil ist." °) Es steht „Gibbeon." H Ursprünglich stand: „Reformation."