Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüdische Dinge
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 377 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259334-2259338-2259480--0865-2259663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Schnapper-Arndt, Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüd. Dinge. 377 tratt. Es that mir wohl, daß mir nach einer siebenjährigen Trennung von allen meinen Glaubensgenossen, noch so viel Herzlichkeit und jüdischer Sinn, übrig geblieben war, daß ich bei einem Anblick der lächerlich ist, nur gutmüthig lächlen konnte. Die Sonne hing brütend über die lange schmale Gasse, und mir fiel wohl ein im Schweiße meines Angesichts, wir Juden müßten doch des Himmels Lieblingskinder sehn, daß er unsre Wohnung wärmer beschien, als den übrigen Theil der Stadt, wo es zur selben Zeit ziemlich kühle war. Wenn man hieneinsieht in die langen schmalen Gänge der Häuser, so findet das Auge kein Ziel und keine Ruhepunkt. Da herrscht eine Dunkelheit, die wohl dienen kann, zur Rückerinnerung an die zehen Plagen des Pharao, und ein Symbol abgiebt von der Geistescultur der Juden. Um so reizender hingegen nehmen sich, an den Pforten dieser finstern Höhlen die Töchter Abrahams aus, die im nachlaßigsten Morgengewande, halb sitzend, halb liegend, des Betrachters Auge, um so reiner vergnügen da die Anschaung ihrer Schönheit sein Herz ungefährdet') läßt und durch gleichzeitige Beschädigung des Ohrs nicht gestört wird. Um sie herum stehen die jungen Söhne des Mercurs die durch ihre angenehme Unterhaltung und ewiges Trippeln, beweisen, daß sie mit ihrem Schutzgotte auch die Beredsamkeit und die Flügel an den Füßen gemein haben. Da strömen die Lippen über vor artigen Witze, und witzigen Artigkeiten. Zwar meinte eine Dame, die Herrn verstünden sich besser auf Galanterie Waaren als auf Galanterie; allein das war eine böße Christin die das sagte, und eine neidische Modehändelerin. Auch kau man es ihnen nicht zur Sünde anrechnen, daß sie am Sabbath ihre Zunge arbeiten lassen. Denn das mosaische Gesetz spricht: Am siebenten Tage sollst du deinen Knecht ruhen lassen und deine Magd; aber sind sie denn Herr ihrer Zunge?2) Ich ward bewillkomt von vielen schönen Lippen, und jeder Fragte: wenn war die Ankunft gewesen? Meine allerliebste Cousinen reichten mir ihre weißen Händchen, und fragten mich wie weit ich wäre in der Medicin, und ob ich schon den Puls verstände. Ich war artig und küßte jeder die Hand. Aber einige Superkluge und genialische unter denselben, denen ich sagte sie hätten gar keinen Puls, wollten irgend einen satirischen Sinn in diesen Worten finden, und ich dachte doch gar nichts dabei, so wahr ich ein Jude bin? Da wir nun so beieinander saßen und kosten, und ich mir alle mögliche Mühe gab den Damen zu beweisen, daß ich galant genug seh um eine schöne Rahel 7 Jahre lange zu dienen, da wurde unsere Aufmerksamkeit durch einen Zusammenlauf von Menschen angezogen, die alle die Richtung nach dem Hauße des Rabbiners nahmen. Ich eilte ebenfalls hin, nicht aus Neugierde, aber aus Eitelkeit, um den Damen während meiner Abwesenheit Zeit zu lassen über meine Gelehrsamkeit und liebenswürdiges Betragen zu urtheilen. Da ich nun hinkam, sah ich einen bärtigen Juden der seine Hände abwechselnd bald über seinem eignen Kopfe, bald über den Rücken einer Magd heftig zusammenschlug, und laut weheklagend dabei ausrief: O Kartoffel, o Zwiebelsuppe, o Sauerkraut! Eben so mitleidig als erstaunt, fragte ich meinen Nachbar was Vor „läßt" die durchstricheuen Worte „und sein Ohr in Ruhe". 2) Die Stelle ist im Original verschrieben. 25