Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüdische Dinge
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 376 (sequence 2)
- Language
- German
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376 Schnapper-Arndt, Jugendarbeiten Ludwig Börne'S über jüd. Dinge. Cousinen" 2). - — Auffallen könnte es vielleicht, daß Börne in dem Fragment von einer „siebenjährigen Trennung von allen seinen Glaubensgenossen" spricht, während er doch, wenn der Aufsatz 1807 entstanden ist, zwei Jahre vorher, nämlich 1805, in Frankfurt gewesen ist. Es ist indes offenbar, daß Börne sich hier eine kleine dichterische Freiheit gestattet hat, indem er, von kürzeren Besuchen absehend, die sieben Jahre vom Zeitpunkte seines Eintritts in das Hezel'sche Institut in Gießen (1800) zählte. Ueberhaupt dürfte, meines Erachtens, die kleine Arbeit in den meisten Stücken eher als eine belletristische Fiktion, denn als ein Bericht über Erlebtes zu betrachten sein. Die Juden in Frankfurth am Mayn. Das Herz pochte mir vor Erwartung als ich die finstere Behausung wiedersehen sollte, in der ich geboren war, die Wiege meiner Kindheit^). Es war grade am ersten Tage des Osterfestes als ich in die Judengasse!) Ich setze die betreffenden Stellen aus den „Briefen des jungen Börne an Henriette Herz" (Lpzg. 1861) auszugsweise hierher: „In diesen Osterferien werde ich nach Hause reisen, um mich nach einer drittehalbjährigen Abwesenheit meinen Eltern, meinen Tanten und meinen Onkels zu Präsentiren. Ich freue mich recht sehr darauf, denn ich kann mir sehr lebhaft den Spektakel denken, der in den ersten 3 Tagen mit mir seyn wird. Da wird denn jeder mich begucken und begaffen, und mich Herr Doktor nennen.....Ueberhaupt werde ich in der Iudengaffe viel Ehre genießen. Aber gewiß nur in den ersten 2 Tagen. Wenn man mich wird kennen lernen, da heißt es: ich scy stolz, ein Judenfeind u. s. w. Indessen werde ich mir viele Mühe geben, gegen die Iudenmädchen und gegen meine schönen Cousinen so galant als möglich zu seyn. Nun stehe ich zum Beyspiel bei Mamsell Gumpertz unter ihrer Hausthüre, und der Herzeneroberer Aaron Bamberg steht auch da. Der fragt mich nun: Herr Baruch, ist Mademoiselle G. nicht zehnmal schöner geworden, seit Ihrer Abwesenheit? Ich aber erwidere sehr fein: ich bitte um Vergebung, Mamsell war so schön, daß sie gar nicht hat schöner werden können....." (Aus Halle, den 27. Jan. 1805, x. 134 f.) „Was mich betrifft, war ich in Frankfurth so lebensfroh, wie noch nie, obzwar das Element, in dem ich athmete, mir so fremd war. Die Leute amüstrten mich erstaunlich, weil sie so gar exzentrisch waren, außer meinem Mittelpunkt..... Ehe ich von hier abreiste, hatte ich mir ordentlich einen Plan gemacht, wie und wo ich mich in Frankfurth wollte rühren und bewegen lassen, durch Erinnerungen aus meiner Kindheit. Erstens wollte ich das alte Haus besuchen, und sinnend auf und ab zehn in der Stube, wo ich noch so voller Sehnsucht war, und so viele Prügel bekommen hatte, dann wollte ich zum Fenster hinaussehen, und mit Lächeln den Dachvorsprung betrachten, der uns Kindern zur Sonnenuhr diente, und uns feelig machte, wenn sein Schatten die zwölfte Stunde anzeigte. Ferner nahm ich mir vor auf den hohen Berg zu steigen, von wo aus man in ein romantisches Thal hinabsieht, um mich mit thränenden Augen zu erinnern, wie ich hier stand, ehe ich nach Berlin reiste, und zu mir sprach: wenn Du nach einigen Jahren wieder hier stehst, was wird aus Dir geworden seyn? — Trauern Sie, liebe Mutter, und alle Grazien und Musen mögen mit trauern, aus allem dem ist nichts geworden. Denn in Frankfurth hat man weder Vergangenheit noch Zukunft, es war mir, als hätte ich mick aus dem Lethe berauscht, Gegenwart, Gegenwart, nichts als Gegenwart." (Aus Halle, 26. Mai 1805, p. 142 ff.) 2) Börne's Geburtshaus ist erst 1885 niedergelegt worden. Hr. Inspektor O. Cornill hat bei dieser Gelegenheit einen eichenen Verschlag, einen Tragstein mit den Zeichen der beiden nebeneinanderstehenden Häuser (Rost und Glocke) und drei Stücke schmiedeeisernes Treppengeländer für das historische Museum gerettet; von anderer Seite sind letzterem schön ausgeführte photographische Aufnahmen und Grundriffe des Hauses übergeben worden.