Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 363 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 363 blühen und grünen; wir sind gleich einer dürren Ochsenhaut, welche, wenn man an einem Ende darauf tritt an dem andern in die Höhe gehet . . . Aus dem Lande Chpern ward ich verjaget, jetzt geht mirs auf dem Wasser wohl . . . Siehe Dich nur fleißig vor, mein Prinz, denn der Joseph suchet deinen Untergang. Ich bin zwar nicht der Joseph von Arimathia, aber kriege ich dich nur in meine Klauen, so will ich doch der Joseph sein, welcher Dir zu Deinem Grabe verhelfen wird." Ganz gut ist übrigens dargestellt, wie Barrabas-Joseph, der ungemein siegesgewiß in seinem Rachegefühl ist, sofort kleinlaut wird, sobald die Entscheidung wider ihn fällt, in Folge deren er nicht blos der Befriedigung seiner Rache verlustig geht, sondern auch das ausgeliehene Geld vollständig einbüßt. Eine sehr merkwürdige Behandlung desselben Stoffes ist das 1599 erschienene Drama Moschus (— Mose mit latinisirender Endung) von Jacob RosefeldtEs ist leicht möglich, daß dieses lateinische Drama, das auch die uns bekannten Quellen, außer den (xesta komavorum das Meisterlied und Bütners Erzählung (vgl. oben S. 353 u. S. 361) benutzt, auch einzelne Züge aus Shakespeare entlehnt hat. Der Jude Moschus leiht dem Polhharpax zu einer Reise übers Meer fünf Talente; auf Antrag des Schuldners, nicht des Juden, wird in den Schuldschein die Clausel über Ersatz des Geldes durch ein Pfund Fleisch aufgenommen; der Jude, der sich durch seinen Diener Barrabas verleugnen läßt, als der Schuldner die Summe bezahlen will, besteht dann aus seinen Schein, geht jedoch leer aus. Für unsere Betrachtung merkwürdig sind in diesem Drama drei Scenen: Die erste (I, 4), eine Prügelscene, in welcher der Jude und sein Diener Prügel austheilen, aber zum Lohne auch welche erhalten; die zweite (II, 2), eine Rede des Moschus über den Talmud: Gott selbst studire täglich drei Stunden in demselbendie dritte (IV, 5), in welcher Moschus, durch den Bruder seines Schuldners, der auch die merkwürdige richterliche Entscheidung beantragt und herbeiführt, als Mörder eines Christenkindes denuncirt wird. Die zuletzt angeführten Dichtungen führen eigentlich über den Zeitraum hinaus, dessen Betrachtung uns hier obliegt. Sie geben vor, von wirklichen Vorfällen zu sprechen, erzählen aber nur eine Anekdote, die vielleicht in ähnlicher Weise, wie sie hier erzählt wird, irgendwo und irgendwann gegeschehen ist, die aber nur willkürlich aus Juden übertragen wurde. Sie gehören in das Gebiet der „seltsamen und erschrecklichen Zeitungen", an welchen jenes Zeitalter Gefallen fand und zu denen, wenn die Wirklichkeit nicht mehr genügen wollte, die Erfindung ihre Beiträge liefern mußte. Am Ende des Jahrhunderts gefiel sich die ausschweifende Phantasie der Dichter und Geschichtenerzähler in solchen seltsamen Erfindungen. Schon Melanchthon und seine Genossen hatten von großen Zügen von Juden nach dem gelobten Lande gesprochen, seltsame Berichte gegeben, die an die 1) Vgl. darüber die vortreffliche Arbeit von Joh. Bolte: Jokob Rosefeldts Moschus, eine Parallele zum Kaufmann von Venedig im Shakespeare-Jahrb. XXI, 186-210. 2) Das mochte R. aus H. Folz Fastnachtspiel entlehnen, in welchem der Rabbi diese und ähnliche Beschäftigungen Gottes darlegt vgl. Keller (oben S.358) I, S. 12. 24*