Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 362 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Mutter soll ihm überlassen werden, damit er ihr das Kind ersetze; er ist im Halbschlaf auf einen Mann gestürzt und hat ihn erdrückt; die Entscheidung ist: daß der Sohn des also ums Leben Gekommenen auf den unfreiwilligen Mörder stürzen solle. Es fehlt nur noch, daß ausdrücklich die Bedingung daran geknüpft werde, der Sohn müsse bei diesem Sturz auch im Halbschlaf sein, um die Analogie vollständig zu machen. Wenn Shakespeare wirklich das deutsche Lied gekannt hat, was überaus zweifelhaft ist, so konnte er es für seine Zwecke durchaus nicht brauchen. Seine Schöpfung wurde bald Gemeingut der europäischen Nationen. Schon 1608 wurde in Graz eine deutsche Bearbeitung aufgeführt, die 1626 in Dresden unter anderm Titel erscheint und neuerdings nach einer Wiener Handschrift abgedruckt worden ist 2). Sie bietet eine eigenartige Verschmelzung von Marlowes und Shakespeares Stücke. Aus Chpern werden auf Veranlassung des Prinzen die Juden vertrieben, der reichste, Barrabas, der sich später Joseph nennt, weiß, in Folge einer Verkleidung, als Soldat, mit einer Binde auf einem Auge, sich in des Prinzen Begleitung einzuschmuggeln, kommt mit ihm nach Venedig, gelangt dort zu Gelde und schließt dort mit dem Prinzen den aus Shakespeare bekannten Schuldvertrag, der dann in ähnlicher Weise wie bei jenem für ungiltig erklärt wird. Die sonstigen Veränderungen der Jntrigue, die übrigens nur äußerlich sind, brauchen nicht erwähnt zu werden, hier kommt es nur auf die Schilderung des Juden an. Seine und seiner Glaubengenossen Vertreibung aus Malta ist gänzlich unmotivirt: auf eine Bittschrift der christlichen Kaufleute, die sich durch Concurrenz und Wucher bedrängt fühlen, wird Vertreibung und Güterconfiskation beschlossen. Der Vertriebene, der in seiner Stadt der reichste Mann war und sich nun mühsam eine neue Existenz schaffen muß, nährt begreiflicherweise ingrimmigen Haß gegen seine Bedrücker und sucht eine Gelegenheit, sich an demjenigen zu rächen, der seine Lage zu einer so traurigen gemacht hat. Zur Kennzeichnung der Meinung und auch der Sprache 3) des Verfassers mag hier ein Stück des Monologs des Juden (A. III Sc. 3) mitgetheilt werden, welcher die Überschrift führt: „Jud und seiner Herrlichkeit" : „Was denket Ihr doch, Ihr närrischen Christen, daß Ihr meinet, die Juden zu vertilgen? Oder bildet Ihr Euch ein, wenn Ihr uns aus einem Lande vertreibt, daß wir in den anderen verdorben sind? Ach weit gefehlt! Alsdann beginnt 'öfters unser Glück erst recht zu t) Gewiß sind diese Entscheidungen nicht geistreich; aber sie sind nicht mit Grätz einfach als „unsinnig" zu bezeichnen, sondern aus jener, wenn ich so sagen darf, Eulenspiegel-Atmosphäre zu erklären. Es genügt wohl, wenn bei dieser Gelegenheit kurz auf den derben Schabernack hingewiesen wird, der von Eulenspiegel reichen Frankfurter Juden auf der Messe gespielt wird (Volksbuch von Eulensplegel 1519, 34. Historie). 2) Meißner a. a. O. S. 131—189. Das Stück führt dort den Titel: Comoedia genandt daß wohl gesprochene Uhrtheil eynes weiblichen Studenten oder der Jud von Äenedig." Eine zweite spätere Aufzeichnung desselben Stücks (Ende des 17. Jbh.) aus einer Carlsruher Handschrift bespricht I. Bolte im Shakespeare-Jahrb. Bd. XXII, S. 189 fg. 3) In dem Abdruck ist nur die ganz regellose Orthographie des Verfassers vereinfacht.