Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 360 (sequence 64)
- Language
- German
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360 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Dichtungen, wie das Endinger Judenspiel, bestärkten die Zeitgenossen in dem unheilvollen Wahn, die Juden bedürsten des Christenblutes zu ihren religiösen Gebräuchen, zugleich aber auch in dem Glauben von der Grausamkeit und dem unversöhnlichen Christenhaß der Juden. Nirgends aber kann ein solcher Glaube nachdrücklicher und wirkungsvoller gelehrt werden, als auf der Bühne. Diese Lehre wurde hauptsächlich von zwei englischen Dramen vorgetragen, die beide dem Ende des 16. Jahrhunderts angehören und ziemlich früh ihren Weg nach Deutschland fanden^): Marlowes: der Jude von Malta und Shakespeares: Kaufmann von Venedig. Beide Stücke haben, wie neuerdings gezeigt worden ist?), einen speciellen Anlaß in der englischen Geschichte. Ein in London lebender jüdischer Arzt Rodrigo Lopez, der bei der Königin in hohem Ansehen gestanden hatte, ging dieses Ansehens verlustig, wurde in einen Hochverrathsproceß verwickelt, für schuldig erkannt und 1594 hingerichtet.^) Es ist leicht denkbar, daß durch diese Exemtion, die allgemein für verdient gehalten wurde, die Abneigung gegen die Juden sich sehr verstärkte und daß zunächst Marlowe von diesem allgemeinen Hasse Veranlassung nahm, einen Juden als Christenverführer zu schildern. ^) Sein Barrabas ist, in der ersten Hälfte des Stücks, die allein dichterisch bedeutsam ist, eine vortrefflich gezeichnete Figur: ein reicher Mann, der widerrechtlich in seinem Besitzthum gestört, gegen die Störenfriede Haß in sich nährt und diesen dadurch befriedigt, daß er seinen Widersachern an Leib und Leben Verderben bereitet. Der Haß aber, den er empfindet, ist ein so grimmiger, daß er an Wahnsinn grenzt. Die Christen sind ihm arme Wichte, an die man noch nicht dachte, ehe Vespasian und Titus die Juden besiegte, ein schnödes Volk, gegen das Alles erlaubt sei, wie es sich selbst Vieles gegen Andersgläubige gestattet. Marlowes Stück wurde 1607 in Passau, 1608 in Graz, 1626 in Dresden aufgeführt^) und blieb dann dauernd im Repertoire der englischen Comödianten in Deutschland. Es übte entschiedenen Einfluß aus Shakespeares Stück aus (in seiner ersten Form 1594 aufgeführt, umgearbeitet 1598), das seinerseits auf Deutschland einflußreich wurde, dermaßen, daß Shhlock geradezu als Jncarnation jüdischen Wesens galt. Es ist durchaus unnöthig.!) Ueber die engen Beziehungen zwischen englischer und deutscher Literatur vgl. das ausgezeichnete Buch von Charles H.Herford: Stuäies in tke literar/ relations ok LvS?anä anä Aerman^ in tue sixtesntk eentnr^, OamdridKe 1886. Die große neuere Literatur über die englischen Comödianten in Deutschland kann hier nicht aufgeführt werden; ein speciell für unsere Zwecke wichtiges Buch ist noch unten zu nennen. 2) Iise, Lks original of Sk^loek 1880. Ich entnehme das, was ich darüber sage, der unten angeführten Abhandlung von Grätz. Eine englische Vorlage für Shakespeare 1579 weist Meißner S. 129 nach. 2) Wie läßt sich aber mit dieser Zeitbestimmung die Angabe Meißners: Die engl. Comödianten zur Zeit Shakespeares in Oesterreich, Wien 1884, S. 92, vereinen, Marlowes Stück sei 1589 erschienen? ^) Der Bequemlichkeit halber verweise ich auf die Analyse und Beurtheilung des Stücks in dem leicht zugänglichen Werke von Bodenstedt, Shakespeares Zeitgenossen, Bd. III, Berlin 1860, S. 165, 323 ff. 5) Die Daten nach Meißner a. a. O.