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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 357

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 357 (sequence 61)
Language
German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Z57 Sonst führt das Drama, dessen frische EntWickelung dem 16. Jahrhundert angehört, Juden sehr häufig vor, aber es sind nicht deutsche Juden jener Zeit, sondern biblische Figuren, die man auf die Bühne brachte. Die Zahl der biblischen Comödien ist geradezu Legion: unter den Stoffen des Alten Testaments beherrscht der Joseph- und der Susanna-Stoff ebenso vollkommen die Schaubühne, wie aus dem Neuen Testament die Geschichte des verlorenen Sohnes^); aber auch die Opferung Isaaks, die Geschichte von Tobias, Ruth, einzelne Erzählungen aus dem Buche der Richter und den Büchern der Könige finden ihre dramatische Behandlung. Doch müssen wir uns an der bloßen Erwähnung dieser biblischen Stücke genügen lassen; denn die große Beachtung, welche man ihnen schenkte, ist nur ein Zeugniß für die Werthschätzung der Bibel, nicht aber für die günstige Meinung, welche man von den Juden hegte. Die Personen, welche in diesen biblischen Stücken vorgeführt werden, sind nicht Typen für Juden irgend einer Zeit, sondern Typen für menschliche Figuren. Nur bei einem Stoffe lag es nahe, Parallelen anzudeuten, bei dem Esther-Stoffe. Hier nämlich, wo es galt, Pläne, die gegen die Juden geschmiedet waren, darzuthun und ihre Vereitelung zu schildern, die Niederlage des Judenbedrängers und den Triumph der Juden vorzuführen, mußte es sich den Dichtern doch fast aufdrängen, Anspielungen auf die Zeitgeschichte zu machen und Vergleiche anzustellen zwischen der elenden Lage der Juden, die man täglich mit ansah, und der königlichen Stellung derselben, von der man zu erzählen hatte. Aber sie spürten diesen Drang nicht. Ja noch mehr. Für den einen dieser Dichter 2), von dem das Ganze symbolisch gedeutet wird, ist Hamann der Vertreter des Judenthums, welches Christus nicht anerkennt, ja an den Galgen zu bringen sucht, Mardochai bedeutet Christus, Esther die Heiden und Vasthi vertritt diejenigen, welche dem Rufe Gottes nicht zu folgen vermögen. Ein anderer, einer der begabtesten Dramatiker des 16. Jahrhunderts, Thomas Naogeorg, „denkt bei Mardochai an die guten Protestanten, bei Haman an die bösen katholischen Ränkeschmiede, bei Ahasver an die geweihten Freunde des Evangeliums auf den Thronen." ^) Man wird durch derartige Seltsamkeiten erinnert an den Versuch eines ungenannten französischen Dichters, der seine Tragödie la xerLäis ä'^man nicht etwa zu einer Schilderung der Juden brauchte, sondern zu einer Allegorie aus die blutige Catastrophe des Marschall d'Ancre benutzte. Aus den deutschen Dramen jener Zeit, in welchen Juden vorkommen, spricht dieselbe Geringschätzung derselben, wie aus den bisher betrachteten sonstigen Erzeugnissen der Literatur. Zur Erhärtung dieses Satzes müssen wir zu- ') A. v. Weilen, der ägyptische Joseph im Drama des 16. Iahrh., Wien 1887, S. V. Ich verweise auf dieses (schon oben S. 101 kurz besprochene) Buch, um in kürzester Art den ungeheuren Reichthum dieser Literatur zu kennzeichnen. 2) Ich verweise auf die Arbeiten über Esther-Dramen in H. Holsteins Archiv f. Literaturgesch. X, S. 147—154, XI, S. 442, XII, S. 46—60. 2) Erich Schmidts Worte in Allg. d. Biogr., Bd. XXIII, S. 249. Die (üoinoeäia von der Königin Esther und hoffärtigem Hamann aus dem Repertoire der englischen Comödianten ist von Tittmann abgedruckt: Deutsche Dichter des 16. Iahrh., Bd. XIII. S. 1—44.

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