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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 355

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 355 (sequence 59)
Language
German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Z55 Die späteren Bearbeitungen des Faustbuches ließen sich diese Geschichte nicht entgehen. G. R. Widmann, dessen Erweiterung (1599) an Stelle des alten Faustbuches traN), erzählte die Anekdote ohne wesentliche Abweichung; I. G. Pfitzer, Widmann's Nachfolger 2), schreibt seinen Vorgänger, wie gewöhnlich, aus. Doch verräth er gerade bei dieser Geschichte eiu seltenes Selbständigkeitsgelüste: er will nämlich nicht, daß der Jude 8 Thaler Zinsen von der dargeliehenen Summe gefordert habe, „wie eine andere Edition hat", nämlich die Widmann'sche. Außerdem hat er, seiner Gewohnheit nach, auch dieser Geschichte einige Anmerkungen folgen lassen. Von diesen behandelt eine sehr ausführlich die Frage: ob man die Juden, da sie doch nun, nämlich Ende des 17. Jahrhunderts, noch eben so wucherisch gesinnt seien, als gegen Faustus, dulden solle: sie wird nicht entschieden, aber man merkt doch an der Stellung der Frage und an den der Erörterung angehängten antijüdischen Geschichten, welcher Meinung der Verfasser zuneigt 2). Es ist sehr merkwürdig, wie selten Hans Sachs, der überaus fruchtbare Dichter, der zwar in Nürnberg selbst lange Jahre keine Juden sehen konnte, aber doch in Frankfurt und Süddeutschland überhaupt denselben oft genug begegnete, ihrer gedenkt. Er, der eine große Anzahl Psalmen und viele Stücke aus biblischen Büchern übersetzte und bei seinem Heißhunger nach poetischen Stoffen zahllose biblische Stoffe zu Spruchgedichten und Dramen zuschnitt, hat in den mehreren taufenden seiner kleineren und größeren poetischen Werke kaum mehr Erwähnungen der Juden, als der Verfasser einer kleinen Brochüre. Das hängt mit der bekannten Thatsache zusammen, daß Hans Sachs in seinen Werken mehr Zeugniß ablegt von seiner Lektüre als von seinen Erfahrungen und Beobachtungen, daß er nicht zu den Dichtern gehört, die ein Bedürsniß fühlen von dem zu reden, was sie sehen, sondern von dem, was sie gelesen haben. Cr ist keineswegs denen zuzurechnen. hatte doch D. Faustus seinen Schenkel noch", sondern er thut nur so; „es war aber nur lauter Verblendung", wie es einmal in der Geschichte heißt. Dieses „Verblenden" spielt nun in Faust's Abenteuern eine große Rolle. Aber in den Erzählungen, in denen es sonst vorkommt, ist es wirklich ein Vorspiegeln, so daß Jemand etwas Bestimmtes zu sehen glaubt, z. B. daß Faust ein Fuder Heu verschlingt oder Aehnliches und dann bald von seinem Jrrthum übersührt wird. In unserer Geschichte dagegen glaubt der Jude nicht nur etwas zu sehen, was nicht geschieht, sondern er suhlt es auch; er trägt das Bein und glaubt nicht nur es zu tragen; er wirft es weg, während er es in Wirklichkeit gar nicht gehabt haben kann. Das sind Gedankenlosigkeiten, wie sie eben nur bei einem geistesarmen Compilator möglich sind. t) 3 Theile, Hamburg 1599-1600. (Neugedruckt bei I. Scheible, „Das Kloster", Bd. II); unsere Geschichte, Buch 1 Cap. 34, Orig. S. 266 -271. 2) 1674; neuqedruckt von A. v. Keller, 146. Publikation des Stuttg. lit. Vereins, Tübingen 1880, Buch 1 Cap. 32, S. 262 ff. 3) Diesen Ansichten des späteren Bearbeiters an dieser Stelle nachzugehen, verriebet der Umstand, daß er dem Ende des 17. Jahrhunderts angehört. Daher sei nur kurz bemerkt, daß er Juden-Mordthaten zu Berlin (1573), Trient (1475), Mota in Friaul (1480) und Bösing in Ungarn (1529) erwähnt (Neudruck S. 126-128) und überall von der Schuld der Juden überzeugt ist; an einer andern Stelle (vgl. Index S. 640, doch kann ich dieselbe im Text nicht nachweisen) erzählt er von 82 getauften Jüdinnen, die vom Teufel besessen waren.

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