Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. eine einigermaßen menschliche Behandlung zuerkennen und ihnen einen Wunsch gönnen, der ihnen wenigstens künstiges Heil nicht vorenthalte. Auch Michael Lindener in seinem schmutzigen „Katzipori"^) hat seine Judenanekdote. Sie ist nicht sonderlich witzig, sie hat nur deshalb Bedeutung, weil sie eine Unterhaltung mitzutheilen vorgiebt, welche der Sammler des Buches selbst mit einem Juden gehabt hat. Der Autor reist von der Frankfurter Messe mit einem Juden, erkennt ihn aber erst als Solchen, da sie an einem Zoll vorbeikommen. Trotzdem läßt er sich mit ihm in ein Gespräch ein und macht ihm Vorwürfe darüber, daß die verstockten Juden nicht an die Gottheit Christi glaubten. Der Jude schüttelt höhnisch und ungläubig den Kopf, will nur zugeben, daß Christus, wie er ja selbst von sich sage, eines Zimmermanns Sohn gewesen sei. Er will von den Juden die Schuld abwälzen, Christus Verderben bereitet zu haben; Christus sei selbst schuld daran; hätte er sich ruhig gehalten, so wäre er ein gewaltiger Mann geworden; das Gegentheil sei erfolgt „weyl er das maul so weht auffgethan und ein jedermann hat straffen wollen." Im Gegensatze zu dieser Schilderung, in welcher der Jude als hartnäckiger Läugner und als höhnender Bekämpfer des christlichen Glaubens auftritt, erscheint er in dem ältesten Faust buche 15872), das viele seiner Erzählungen aus den Schwankbüchern nimmt, als der Geldgierige und gleichzeitig als der Gefoppte. Faust entlehnt bei einem Juden 60 Thaler auf einen Monat. Nach Ablauf der Zeit will der Jude Capital und Zinsen wiederhaben. Faust aber, der nicht im Stande ist, seine Schuld zu zahlen, giebt ihm als Unterpfand einen Schenkel, den er sich in des Juden Gegenwart abschneidet^), mit der ausdrücklichen Bedingung, bei der etwaigen Rückzahlung das Glied in demselben Zustande wieder zu erhalten. Der Jude, dem die Last auf dem Heimwege zu schwer wird, wirft das Bein in den Fluß. Faust, der diesen Vorgang kennt oder voraussetzt, läßt nach drei Tagen den Juden holen, mit dem Vorgeben, ihn zu bezahlen. Da aber der Gläubiger das Pfand nicht zurückerstatten kann, hält sich Faust nicht nur seiner Schuld für ledig, sondern n'öthigt den Juden sogar, für das weggeworfene kostbare Pfand noch 60 Thaler zuzuzahlen"). ') Zuerst erschienen 1558, neu herausgegeben von F. Lichtenstein als 163. Publikation des Stuttg. lit. Ver., Tübingen 1883, S. 96 ff. Nr. 38. 2) Neudruck von W. Braune, Halle 1878, Cap. 38, S. 82. 3) Man beachte, daß nicht etwa der Jude das Pfand verlangt, sondern Faust das Pfand aus freien Stücken anbietet und das Bein abschneidet. — Das Faustbuch ist von 1587, Shakespeares Kaufmann von Venedig (vgl. unten S. 360 fg.) von 1594, möglicherweise noch später. Bemerkenswerth ist, daß die späteren Bearbeitungen des Faustbuchs (vgl. folg. S. Anm. 1 und 2), vielleicht unter dem Einflüsse Shakespeares, die Sache umkehren. Faust bietet zwar sein Bein an, der Jude aber schneidet es ab. Wie die Sinnlosigkeit der Erzähler (vgl. unten Anm. 4) immer rüstig weiter geht, erhellt daraus, daß Faust, obwohl er das Bein nicht ersetzt bekommt, doch später völlig heil an seinen Gliedmaßen ist. 4) Die Sinnlosigkeit des Compilators des Fauftbuches, die schon aus so vielen Stellen erwiesen ist (vgl. Scherer, Einleitung zum Facsimiledruck des Faustbuches, Berlin 1884; Ellinger, in der Ztschr. f. vgl. Littgesch. u. Renaifsancelit. N. F. Bd. I, S. 156 ff.), erhellt auch aus dieser Geschichte. Faust schneidet sich natürlich sein Bein nicht in Wirklichkeit ab, denn, wie es am Schlüsse der Geschichte heißt: „und