Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 353 husten und auf eine halbtheilnehmende Frage der Bauern erklärt er, er werde einen Regen husten. Da mißhandelt ihn ein anwesender betrunkener Bauer, daß er den Regen so lange bei sich behalten und dadurch die Ernte verderbt habe. Der Jude schreit um Hilse, will weitere Erklärungen geben, die anderen Anwesenden stiften Frieden und lassen den Juden unbehelligt heimreiten. Während bei den Meisten diejenigen, die mit den Juden Possen treiben, mit sehr gelinder Strafe davon kommen, ergeht es manchmal denen, welche sich gegen die Juden versündigen, verdientermaßen schlecht. So erzählt Burkard Waldis von einem Truchsessen, der im Auftrag seines Fürsten einen reichen Juden geleitet, der seinen Wohnsitz verändern will und ihn, da er durch einen finstern Wald kommt, beraubt und ersticht. Der Jude warnt ihn: ein Mord bleibe selten ungerochen, der Krammetsvogel werde es melden. Der Truchseß lacht der Prophezeiung. Als er aber im folgenden Jahr dem König an dessen Geburtstag ein Gericht Krammetsvögel vorsetzt, muß er, des Juden gedenkend, wieder lachen. Auf des Fürsten Aufforderung muß er, trotz anfänglichen Schweigens, seine Unthat gestehen und wird zum Tode verurtheilt Endlich findet sich auch eine Shylock-Geschichte bei den Schwankerzählern des 16. Jahrhunderts 2). Der Jude, welcher hier vorgeführt wird, heißt Ben Schlomo und lebt zu Prag; die Summe, um die es sich handelt, sind 500 Gulden; der Entleiher ist ein Kaufmann; das bekannte Urtheil wird von dem Gericht gefällt. Liebeshändel und weibliche durch die Liebe scharfsichtig gewordene Advokaten kommen nicht vor. Aus den Schwankbüchern und Erzählungen erkennt man deutlicher als aus geschichtlichen Darlegungen und theologischen Tractaten die sociale Stellung, welche die Juden einnahmen. Recht anschaulich wird dieselbe auch in den kurzen Worten eines Formelbuches ^) dargestellt, in welchem die Titulaturen der verschiedenen Stände angegeben sind. Dort heißt es nämlich: „Man soll aber keinem Juden weder Dienst noch grüß entbieten, jne auch nit jrtzen (mit Ihr anreden), Dann die Juden als jenig, so Christum vnsern Heiland entehret, sind des nit würdig. Jedoch sol man jnen als menschen die ewige seligkeit gönnen, vnd für den grüß wünschen das sie der Allmechtig mit seinem heiligen Geist erleuchten, dardurch sie zu erkanntnuß des waaren Christenlichen glaubens kommen mögen." Der Schluß ist merkwürdig genug. Das nüchterne Formelbuch constatirt zwar den verächtlichen Gebrauch der Zeit, aber es möchte doch den Bedrückten ') Burkard Waldis, Esopus IV. Buch, 15. Fabel e<Z. Tittmann, Leipzig 1882, II, S. 175 ff. Waldis erwähnt in seiner Nachrede ähnliche Geschichten: Kraniche des Ibykus u. s. w. Auch neuere Behandlungen desselben Stoffes: „Die Sonne bringt es an den Tag" sind bekannt genug. 2) Wolffgaug Bütner, Lpitorrio Kistoriarnm 1576, Bl. 411a, abgedruckt Archiv für Litgesch. VI, 327 ff. Shakespeare-Jahrbuch XXI, 310. 3) Handtvüchlein grundtlichs berichts, recht vnd wolschreibens, der Ortographie vnd Grammatick, sambt kurtz erzölung jrer anhangenden kräfften der Wörter etc. durch Iohannsen Hellen Meichßnern Tüwingen At. v. I.VI. 192 Bl. in 8". Die angeführte Stelle Bl. 23.