Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 351 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 351 zugestehe, nicht aber den Leib der Jungfrau, wirft ihn in die Lache und ruft: Such dir da deinen Gott. Unter den von ihm gesammelten Geschichten ist aber folgende die merkwürdigste: In einer Stadt Italiens donnerte ein Predigermönch stark gegen die Juden, besonders gegen ihre christenfeindlichen Gebete, und erzwang, daß sie die schlimmsten aus ihren Gebetbüchern streichen mußten. Die also Betroffenen suchten den Prediger aus dem Wege zu räumen. Einer von ihnen, ein Deutscher Rata, suchte einen in dem Kloster befindlichen Deutschen, einen ehemaligen Bäcker, zu gewinnen, dieser, unter dem Vorgeben, das Unternehmen nicht allein ausführen zu können, räch, auch den Koch ins Vertrauen zu ziehen. Beide theilen dem Mönch den Anschlag mit und verabreden eine List. Der Bäcker läßt sich wenige Tage, bevor der Mönch einen neuen Angriff von der Kanzel gegen die Juden unternehmen wollte, von den Juden Gift geben und überreicht es dem Mönch, dieser stellt sich krank und läßt durch einen Bruder von der Kanzel verbreiten, er sei vergiftet und liege schwer darnieder. Der Bäcker eilt mit allen Anzeichen der Angst zu dem Juden, meldet ihm, daß der Zustand des Kranken ein hoffnungsloser sei, daß der Verdacht der Vergiftung sich auf ihn und den Koch lenke, erbittet und erhält die ausbedungene Belohnung. Den Tag darauf zeigt sich der Mönch, nachdem er bei den Klosterobern durchgesetzt, daß den listigen Brüdern das Geld zum Eigenthum verbleibe, mit diesen seinen Verbündeten wohlbehalten aus dem Markte, besonders da, wo viele Juden sich aufhalten. Diese gerathen darüber so in Schrecken, daß sie sich eilig aus der Stadt fortbegeben. 2) Zwei besondere Umstände machen diese Erzählung sehr merkwürdig. Zunächst der, daß sich weder weltliche noch geistliche Obrigkeit in die Sache einmischen; — die Juden bleiben vielmehr von dieser Seite unbehelligt und haben nur Geldverlust und das, immerhin freiwillige. Aufgeben ihres Wohnorts zu beklagen. Sodann die Uebertragung deutscher Zustände auf Italien: die Predigt der Dominikaner gegen die Juden, die Wegnahme oder Verstümmelung ihrer Bücher ist eine Erinnerung an den Psefferkornschen Streit und hat in Italien keine Parallele. Die Bekehrungsgeschichten, welche Pauli erzählt, sind nicht die einzigen. Vielmehr lassen die Erzähler auf drei Arten Bekehrung der Juden erfolgen. Zunächst auf Grund von Anklagen, Beschuldigungen, denen sich die Juden durch Annahme des Christenthums entziehen zu können glauben, sodann durch Ueberredung in Folge von Disputationen, endlich durch Ueberzeugung, hervorgerufen durch ein Wunder. Zu letzterer Art gehört ein Meistergesang „von einem kauffmann, wie er einem Jüden ein Mariabild versetzt, dardurch groß zeychen geschahen und der Jüd christen Wardt" ^). Ich eitire diese Geschichte nach Dithmar.- Die Anekdotensammlung des Ioh. Pauli, Marburg 1856, Nr. 243, S. 210—214. Dieselbe Geschichte in H. Kurz Jörg Wickrams Rollwagenbüchlein aus der Ausg. 1557, S. 147—151. 2) Bei Wickram fehlt dieser Schluß, es heißt nur: „also habend sie bald das loch getroffen". 3) Von Michel Müller „Im SpethenTon", Nürnberg. Vgl. Goedeke, Grundriß, I (alte Ausgabe) 229, Nr. 3.