Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 347 (sequence 51)
- Language
- German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 347 In einem Falle jedoch wandten sich die lyrischen Dichter auch gegen die Juden, sobald sie nämlich des Todes Jesu und des Verräthers Judas gedachten. Es ist überaus bemerkenswert^ wie Liliencron des Weiteren ausgeführt hat^), daß die Judasstrophe: .,O Du armer Judas, Was hast Du getan" u. s. w. zum Volkslied? wird und den Ton (die Melodie) gar mancher Lieder bestimmt. Aber nicht blos Judas wird gescholten, sondern die Juden überhaupt, welche ihren Messias nicht erkennen und den Verkannten mit Dornen schlagen. In einem einfach-frommen Liedes wird Jesu Tod sehr rührend besungen; Maria klagt, die ganze Natur trauert, nur die Juden verbleiben in ihrer Abneigung und ihrem Zorn: Da kam ein blinder Jud gegangen, er führt ein sper an einer stangen, er fürts so stark in seiner saust, stach gott gegen seinem herzen auf. Mag der Dichter die körperliche Blindheit des Juden tadeln wollen, der ohne zu sehen, wohin er trifft, den edelsten Theil verletzt, oder die Verblendung der Juden, die Jesus nicht anerkennen wollen, jedenfalls will er diejenigen dem allgemeinen Tadel preisgeben, welche sich blind zu einer Zeit gezeigt, da die ganze Natur sehend geworden zu sein schien. Diese Tendenz bleibt auch bei den Kirchenliederdichtern der späteren Zeit. Sie tritt jedoch meist nur in ganz gelegentlichen Bemerkungen hervor und richtet sich vielmehr gegen die Zeitgenossen Jesu, als gegen ihre Nachkommen, so daß sie hier nur kurz angedeutet zu werden braucht^). Weit ausführlicher aber werden im Schwank, in der erzählenden Literatur überhaupt die Juden behandelt. Wenn die Schwankerzähler blos von dem berichteten, was sie selbst gesehen und erlebt, so würden sie eine hochwichtige historische Quelle darbieten; dies thun sie nicht, erzählen vielmehr mancherlei Erdichtetes, oder wiederholen Bekanntes, geben wandernden Geschichten eine etwas veränderte Gestalt; trotzdem bleiben sie für die Kennzeichnung der Strömung zum Theil auch für die Characterisirung der damaligen socialen Lage der Juden höchst merkwürdige Zeugen. An der Spitze der deutschen Schwankliteratur steht Heinrich Bebel mit seinen 1508 erschienenen kaeetiae. Sie sind zwar lateinisch geschrieben und erst ziemlich spät ins Deutsche übersetzt worden, aber sie beherrschen doch die deutsche Literatur, dadurch, daß sie einerseits den in Italien gesammelten Erzählungsstoff übermittelten, andererseits in den von ihnen erzählten novellistischen Stücken den späteren Deutschen als Quelle dienten. Am häufigsten erzählt Bebel von Disputationen. In denselben ist auch von der Beschneidung die Rede. Dabei fehlt es nicht an groben Scherzen, y R. von Liliencron, Deutsches Leben im Volkslied um 1530, Stuttgart (Kürschners Deutsche Nat.-Lit. Bd. 13) S. ff. Diese Einleitung ist eine höchst anziehende Darstellung des Inhalts und der Bedeutung der Volkslieder. 2) „Der Herr im Garten", Liliencron, Nr. 76, S. 228 ff. 3) Auch die Sprüche jener Zeit treten gelegentlich gegen Juden auf. So wird im «Niederdeutschen Reimbüchlein" Eine Spruchsammlung des 16. Iahrh. hgg. von W. Seelmann, Norden und Leipzig 1885, S. Xlll, unter die 5 Meerwunder gerechnet „Ein Jode, de nemandt bedröcht." 23*