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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 3 · p. Seite 346

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1888-01-01
Page
Seite 346 (sequence 50)
Language
German
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346 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. VI. Die meisten der bisher erwähnten Schriften gehören der polemischen, der eigentlich theologischen, der ernsten Literatur an. Aber auch die nicht zur Belehrung, sondern zur Unterhaltung bestimmte Literatur nimmt, wenn auch nicht in anderer Gesinnung, so doch in anderer Form, von den Juden Notiz. Lieder, Schwanke und Dramen beschäftigen sich mit ihnen'). Unter den Liedern sind zwei, die sich beide in der Arnim-Brentanoschen Sammlung „des Knaben Wunderhorn" finden, erwähnenswerth. Das eine, „die Juden in Passau", behandelt eine Sacramentsschändung, bei welcher ein Christ, Christoph Eisenhammer, ganz dieselbe Rolle spielt, wie Paul Fromm in Berlin 1510, und auch das den Juden schuldgegebene Versahren dem dort geschilderten merkwürdig gleicht. Das andere — „die Judentochter"2) — dessen Entstehungszeit allerdings nicht feststeht und das in die Form, in welcher es vorliegt, erst durch eine Umdichtung Arnim's gekommen ist, verdient die Bezeichnung, welche Goethe in seiner bekannten Recension der Volksliedersammlung dem Liede zukommen ließ: „Passender, seltsamer Bortrag zu confusem, zerrüttetem Gemüthswesen." Der Dichter erzählt, wie ein schönes Judenmädchen, die Tochter einer schönen Mutter, die letztere um Erlaubniß bittet, spazieren zu gehen, statt aber von der Erlaubniß Gebrauch zu machen, einem Schreiber ihr Herzensweh klagt. Dieser will sie Heirathen, wenn sie sich taufen lasse. Sie aber erwidert: „Eh ich mich lasse taufen, Lieber will ich mich versaufen Ins tiefe, tiefe Meer. Gut Nacht mein Bater und Mutter Wie auch mein stolzer Bruder Ihr seht mich nimmermehr!" Die Sonne ist untergegangen Im tiefen, tiefen Meer. Das Lied, bei dem es freilich, wie gesagt, zweifelhast ist, ob es dem 16. Jahrhundert angehört oder aus späterer Zeit stammt, ist keineswegs als gegen die Juden gerichtet aufzufassen. Nicht die Sinnenlust des Mädchens soll bekämpft, sondern der allgewaltige Trieb der Liebe soll gefeiert werden; der Dichter nimmt Theil an der Unglücklichen Liebesschmerz und Glaubenstreue und die schlichten Worte, mit denen er den Ted der Armen mehr andeutet als schildert, sind eine poetische Verklärung ihres Gefühls und ihres Schicksals. In einer Anmerkung wenigstens soll auf die von den Brüdern Grimm gesammelten deutschen Sagen (Berlin 1816, S. 455 ff.) hingewiesen werden. Daselbst findet sich eine Erzählung, die in unsere Zeit gehört (1462). Sie berichtet, daß Juden einem armen Bauer zu Rinn in Tirol ein Kind abkauften und tödteten. In der Todesstunde flössen der auf dem Felde arbeitenden Frau drei Blutstropfen auf die Hand, das Geld verwandelt sich in Laub; der Vater wird wahnsinnig; die Mutter trägt die Leiche ihres Kindes in die Kirche. Der Hirt aber, der den Baum abhaute, an dem das Kind gehangen, bricht das Bein und muß daran sterben. 2) Ich citire nach der Ausgabe von R. Boxberger, Berlin, Hempel o. I. I, S. 133 ff. 278.

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