Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 342 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Schriften 2), Baruchias und Simon, keineswegs als unwürdige Vertreter einer verachteten Gemeinschaft, sondern, bis auf einzelne kleine Züge, als gleichstehende Mitglieder der Gelehrtenrepublik. Sie werden nicht bekehrt und verlacht, sondern sie setzen wie die Anderen ihre Meinung auseinander und empfangen Belehrung, wie sie dieselbe spenden. Solch freie Auffassung läßt sich nur von geistig Hochgestellten erwarten, vornemlich auch von solchen, die ihres Besitzes, ihrer Stellung ganz sicher sind. Es ist durchaus kein Wunder, daß gerade die ersten Vertreter des Protestantismus judenfeindlich waren und dieser Abneigung häufig so leidenschaftlichen Ausdruck gaben. Die Katholiken in ihrer sicheren Stellung mochten die Juden eher dulden, die ihrer Allgewalt keinen Abbruch zu thun im Stande waren; die Protestanten, kampflustig und kampfgerüstet, wie sie waren, welche durch geistige Waffenthaten erst die Herrscher von ihren altererbten Sitzen verdrängen mußten, sahen widerwillig mit an, wie das Häuflein der Andersgläubigen sich ihrem Siegeszüge nicht nur nicht anschloß, sondern auch ihnen gegenüber in seiner entschiedenen und einigermaßen selbstbewußtsen Abgeschlossenheit verharrte. Um so merkwürdiger erscheint ein Dialog aus dem Anfang der Reformationszeit, der eine höchst originelle Disputation mit friedlichem Ausgang enthält?). Schon in der Widmung bekundet der Verfasser eine durchaus milde Gesinnung: er verlangt menschliche Behandlung derselben und „glimpfliche und einfältige Begegnung". Auch im Dialog erscheinen die Unterredner als gleichstehende Gewalten. Der Jude trinkt dem Pfarrer zwar nicht in Marien's, wol aber in des heiligen Geistes Namen zu. Die Unterredung erstreckt sich auf drei Punkte: auf die Dreieinigkeit, die Vorschrift, keine Bilder zu machen, und auf die Lehre von Christus. Die erste will der Rabbi aus dem alten Testament bewiesen haben, der Pfarrer macht einen Versuch dazu, der Jude beharrt bei seinem Unglauben und Widerspruch und der Pfarrer begnügt sich mit dem leisen Tadel: „Du mußt mir nicht leibliche Dinge in geistige ziehen." In Bezug auf die zweite Vorschrift stimmt der Pfarrer sogar dem Juden zu durch den Wunsch, gäbe es doch keine Bilder der göttlichen Personen. Die dritte Lehre endlich, von der Göttlichkeit Christi, wird von dem Juden durchaus geläugnet; die Stellen aus den Propheten und der Genesis, die von dem Pfarrer als messianische Weissagungen vorgebracht werden, anders gedeutet. Der Pfarrer sieht das Vergebliche seines Versuches ein, den Gegner zu überzeugen, sie scheiden mäßig freundlich von einander. Eine längere Stelle aus der Unterredung mag hier (buchstäblich getreu Vgl. über die beiden Dialoge und besonders die Stellung der Juden in denselben m. Reuchlin, S. 179. 185 und: das Stud. d. hebr. Sprache S. 14 A. 1. 2) Eyn vnderredung vom glawben, durch Herr Micheln kromer, Pfarherr zu Cunitz, vnd eynem Judischen Rabien, mit Namen Jacob vonn Brucks, geschehen« ynß Richters hauße do selbst zu Cunitz. Mitwoch nach Andree. M. D. xxiii. — Unten ein Bild: Jude u. Pfarrer essen zusammen. 6 Bl. in 4".— Bl. a Id. Dem Ernuesten gestrengen Volrathen vonn Watzdorfs zu Dorenburgk, Wunsch ich Michell kromer, zu Cunitz Pffarrher, mit allen frummen Christen, die das Euangelium hertzlich begyrigk seindt, durch Christum, gnade, vnd fryd im Heyligen geyst Amen. (Gött. Univ.- Bibl.), angeführt von Goedeke II 2, S. 268.