Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 339 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 339 3^/2 Heller anwächst und schließt aus dieser Aufstellung die Gemeingefährlichkeit der Juden. Er glaubt an alle Unthaten, die man in Deutschland und anderwärts den Juden schuldgegeben und theilt eine Auswahl der Sacramentsschändungen, Brunnenvergiftungen, Tödtungen unter dem Vorgeben ärztlicher Hilfe mit. Da er von der Wahrheit aller dieser Beschuldigungen überzeugt ist, so muß er für die völlige Vertreibung der Juden Plaidiren, die in seinen Augen arge Uebelthäter sind^). Wolle man sie doch irgendwo dulden, so müßte man sie auf ein einsames Dorf verweisen, wo sie sich mit Ackerbau und Handarbeit zu nähren hätten^). Charakteristisch für unfern Verfasser sowie für manche Vertreter ähnlicher Gesinnungen ist ihre Meinung, daß die Juden, trotz aller der von ihnen selbst berichteten Verfolgungen und Strafen, es zu gut hätten, daß sie sich, natürlich vermöge ihrer Bestechungen, bei Fürsten und großen Herren eine Sonderstellung zu verschaffen wissen. Zum Beweise dessen erzählt er nicht ohne Humor, wie ein Jude neulich einem hohen Herrn einen Superintendenten besorgt habe3). Die polemischen Schriften richten sich, wie aus den mitgetheilten Proben genugsam hervorgeht, gegen jüdische Gebräuche, Glaubensmeinungen oder gegen die Juden insgesammt. Behandeln sie einzelne Personen, so sind es Verbrecher oder Märtyrer, welche zu der schweren Strafe, welche der Richter über sie verhängte, nun noch die literarische Unbill seitens eines Dichters oder Prosaschriftstellers erfuhren. Sonst war der einzelne Jude nicht interessant oder wichtig genug, daß er eine Beachtung durch die Schriftsteller jener Zeit erhielt. Eine Ausnahme davon macht nur Joselmann von Rosheim, der „Hauptmann der Judenheit" oder wie er sonst genannt wurde, der Fürsten und großen Herren gegenüber die Sache der Juden vertrat^). Es ist begreiflich, daß ihm eine derartige Stellung, i) S. 186: „Meines dunckens Wils doch da hinauß, sollen wir der Jüden Lesterung rein bleiben und nicht theilhafftig werden, so müssen wir gescheiden sein und sie auß unserm Land vertreiben, sie mögen gedencken in ir Vatterlandt, so dürffen sie nicht mehr für Gott über uns schreyen und liegen, das wir sie gefangen halten, wir auch nicht klagen, das sie uns mit iren Lestern und Wuchern beschweren, das ist der nehest und beste Rhat, der beyde Partheye in solchem fall sichert." — Ich weiß nicht woher A. Link, A. D. B. XXIII, S. 697, die Meinung entnimmt, N. gebe den Fürsten den Rath, die Juden allerdings ohne Anwendung von roher Gewalt, aus dem Lande zu weisen. Bertreibungen Pflegen doch nicht in Folge sanfter Ueberredung stattzufinden. 2) S. 193. Wolle man sie aus Gnade dulden „so were es vil besser, man gebe inen ein eigen Wüstung ein, ein Dorff oder Flecken zu bawen und mit Arbeit sich zu neren, wie andere Menschen." 3) S. 205. Ein Adliger sieht einen ihm bekannten Juden mit einem Andern Vorübergehn. „Als nu den Juncker dauchte an der Kleidung, es were ein Lateinisch Man, name in Wunder das er mit dem Juden gienge. Sprach den Jüden an wo er herkeme unnd was er gethan, unnd dergleichen. Da sagt der Jude sein Herr hette in gebeten, er solte jhm etwan ein guten Predicanten auffdrehen und zuwegen bringen. Sagt der Juncker, ob er es denn gethan und troffen habe, sprach er, ja, er halte es dafür. Der Juncker sprach, ey, ich meinet, ir Jüden weret dem Predigampt feind, so helffet irs fordern und wündschete ihm (spotsweise) viel Glücks, das er sich so gebesfert und zu hohen Ehren kommen das er ein Superintendens worden were." 4) Die merkwürdige Persönlichkeit ist neuerdings mehrfach behandelt worden, vgl. oben Bd. II, Heft 1, S. 14 Nr. 139-142, (vgl. auch Bd. I, S. 203). Erst