Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 331 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2259275-2259334-2259338-2259479--0818-2259617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 331 Als eine unmittelbare Wirkung der bisher erwähnten judenseindlichen Schriften läßt sich die practische Ausführung der hier erwähnten Vorschläge betrachten. Schon an anderer Stelle (oben S. 3V9) war von einem Versuche des Erzbischofs von Mainz die Rede, eine Coalition der Fürsten und Städte zur Vertreibung der Juden zu Stande zu bringen. Eine weit ernstere Gefahr drohte den Juden im Bauernkriege. Bei den Bestrebungen jenes Fürsten handelte es sich im Grunde nur um die Bemühungen eines Geldbedürftigen, die durch Geldzahlungen wiederum unschädlich gemacht werden konnten; im Bauernkriege handelt es sich um aufgeregte, undisciplinirbare Massen, die, durch ihre Erfolge berauscht, weit schlimmer wütheten und viel unbändiger waren als die von Aventin (oben S. 320) charakterisirten Volksmengen. Schon der „Buntschuh" des I. 1493 hatte in seine Verfassung die Forderung der Beraubung und Tödtung der Juden aufgenommen; in den Forderungen mancher Bauernhaufen des I. 1525, der Mainzer und Sundgauer kehrt dasselbe Verlangen wieder; die Frankfurter wollten ihnen auf andere Weise die Lebensader unterbinden, indem sie forderten, man solle den Juden den Wucher und überhaupt jeden Handel verbieten. IV. Herrschte sonst während des 16. Jahrhunderts in Bezug auf religiöse Dinge in Deutschland der stärkste Antagonismus, so war in beiden Lagern in Betreff des Judenhasses eine seltene Uebereinstimmung wahrzunehmen. Ein vollständiges Verzeichnis dieser Schmähliteratur kann und soll hier nicht gegeben werden 2), einzelnes möge genügen, um die Fülle des Hasses zu empfand, geht aus seinen zahlreichen Briefen an Erasmus u. A. hervor, in welchen er diese Beschuldigung abzuwehren sucht. Etwas Anderes ist es, wenn die fanatischen Gegner Joh. Böschenstein einen Juden nennen; hier wird diese Bezeichnung durch die Abneigung der unwissenschaftlich Denkenden gegen die Beschäftigung mit der hebr. Sprache hervorgerufen. Vgl. Allg. d.Biogr.IH, 184 ff. und m. Schrift: Das Stud. der hebr. Sprache 1870 S. 48—55. Auf Böschensteins Vertheidigung gegen die Beschuldigung jüdischen Ursprungs hat jüngst E. L. Enders wiederum hingewiesen, vgl. Berichte des Freien D. Hochstifts in Fkft. a. M. N. F. Bd. IV, 1888, S. 71 fg. Daselbst findet sich auch eine Analyse der seltenen Schrift Boyensteins wider die Tänzer und Tänzerinnen (Augsburg 1533), worin der Tanz als „eine Mutter und Säugamme unzählbarer Unfälle" verdammt, auch die bei jüdischen Hochzeiten üblichen Tänze als unheilvoll erklärt werden. 1) Für das Folgende vergl. Alfred Stern, Die Juden im großen deutschen Bauernkriege, in A. Geigers Jüd. Zeitschr. VIII, 57—72 und Janssen II, 513 fg. Anm. Für die Juden im Bauernkrieg vgl. man noch die Notiz in Joselmanns Tagebuch. Jos. berichtet z. I. 1525, er sei ins Kloster Altorf gegangen und habe von den Führern der elsässischen Bauern einen Befehl erwirkt, die Juden zu schonen, entgegen dem früher gefaßten Beschlüsse, die Juden zu todten. Der Befehl wurde indessen nicht lange beachtet. Glücklicherweise für die Juden wurden die Bauern von den Herzögen von Lothringen vernichtet. 2) Eine judenfeindliche Schrift aus dem 16. Jahrh., die mir nicht zugänglich gewesen ist: von Heinrich Schrötter aus Weißenburg (Straßburg 1563), besonders über die „greuliche" Verfluchung der Christen, die allsabbatlich in den Synagogen stattfinde, verzeichnet Kayserling, Hebr. Bibl. VIII. S. 84. 22*