Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 327 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 327 derselben, Brunnenvergiftung, Ermordung von Christenkindern und Benutzung des Blutes derselben zu rituellen Zwecken, werden von Luther als erwiesene Thatsachen mitgetheilt. Neu scheint bei ihm der Vorwurf landesverrätherischer Gesinnung gegen Deutschland zu sein; deswegen ständen sie bei den Türken in hoher Gunst und würden von ihnen vielfach als Spione benutzt. Deswegen gibt es kaum eine Bestrafung, die solchen Uebelthaten entsprechend erscheint. Das Allerunwürdigste wird als gut genug für sie betrachtet: Zerstörung ihrer Synagogen, ihrer Wohnhäuser, ihrer Gebetbücher, und ihrer Bücher überhaupt. Untersagung des Wuchers, Wegnahme ihres Vermögens. Die Juden sollten in Ställen wohnen, die Kräftigen unter ihnen zur Leistung erniedrigender Arbeiten benutzt, die der Gesammtheit weggenommenen Gelder sollten zur Unterstützung Einzelner benutzt werden, welche den christlichen Glauben annähmen. Denn dieses Ziel schwebte Luther als das nothwendig zu erreichende vor; alle von ihm vorgeschlagenen Gewaltmaßregeln arbeiteten daraus hin. Würde es aber durch die Halsstarrigkeit der Gedrückten nicht erreicht, so bliebe als letztes Auskunftsmittel nur Tödtung oder Vertreibung übrig, „so müßten wir sie wie die tollen Hunde ausjagen, damit wir nicht ihrer greulichen Lästerungen theilhaftig mit ihnen Gottes Zorn verdienen und verdammt werden". Es ist für den Menschenfreund betrübend und für den Psychologen fast unerklärlich, wie ein Mann, dem Deutschland außer dem köstlichen Gut seiner Sprache auch einen großen Theil seiner Geistesfreiheit verdankt, so barbarische Maßregeln vorschlagen, so dunklen Anschauungen huldigen konnte, wie er, der mit der Fackel der Critik die wirrsten Gebiete erleuchtete, so critiklos oft widerlegte Märchen vorzubringen vermochte. Die maßlosen Ausdrücke gegen die Juden überraschen bei ihm nicht sehr; sie finden ihre Analogie in seinen gleich maßlosen Reden wider die Bauern, wider verschiedene persönliche Gegner, wider Papstthum und Päpste; die feindseligen Gesinnungen aber erklären sich nicht allein aus persönlicher Gereiztheit oder nationaler Einseitigkeit. Als eine tiefliegende, mächtig wirkende Ursache kann man wohl die Nichtübereinstimmung in der Gibelerklärung auffassen. Luthers Waffe war die Bibel: in dem Neuen Testamente fand er das Rüstzeug für seine reformatorischen Kämpfe, in dem alten die Verkündung seiner christlichen Anschauung, messianische Verheißungen u. dgl. mehr. Die Nichtannahme seiner Erklärung erschien ihm ebenso fluchwürdig, wie die Verletzung seines Palladiums, wer das Eine oder das Andere that, galt ihm in gleicher Weise als Todfeind. Daß die Juden die Bibel besaßen und trotzdem , in seinem Sinne wenigstens, nicht an sie glaubten, daß sie die Belehrung und Ueberzeugung verschmähten, zu welcher sie leicht hätten gelangen können, das bereitete in seinen, des Erzschirmvaters der Bibel, Augen den Juden mehr Verderben als ihre angeblichen „Schalkheiten und Bübereien". ^) Nur zwei Stellen, die in dieser Beziehung bemerkenswerth sind, seien hier angeführt. Die eine lautet: „Ich habe selbst mit den Juden davon geredet, selbst den Gelehrtesten, welche die Bibel so wohl wußten, daß auch kein Buchstabe darinnen war, sie Verstundens und habe ihnen diesen Spruch vorgehalten, aber sie konnten nichts wider mich ausbringen. Zuletzt gaben sie diese Antwort und sagten: Sie glä'ubeten