Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 326 (sequence 30)
- Language
- German
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326 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. der genannten haßerfüllten Pamphlete erzeugten oder nährten? Von dem Eindruck der Psefferkornschen Schriften gibt schon der Umstand sichere Kunde, daß sie häufig aufgelegt und nachgedruckt worden sind. ^) Aber auch die Späterennannten jene Beiden geradezu als ihre Vorgänger und Anreger. Aber hauptsächlich erweckte ein Größerer die Genossen zur Nacheiferung. Nicht Reuchlin^) war es, dessen wenige über die Juden handelnden Blätter eigentlich nicht zur Veröffentlichung, jedenfalls nicht zur Wirkung im Großen bestimmt waren, dessen Ausführungen, ohne irgendwie judensreundlich zu sein, doch kein Signal zu allgemeinen feindseligen Handlungen geben sollten, sondern Luther. ^) Luther wünschte die Taufe der Juden, aber er sah darauf und ließ Andere darauf achten, daß die Bekehrung nicht aus äußeren Gründen, sondern aus wahrer Ueberzeugung erfolge. Er bekämpfte den Einfluß der Juden, wo er ihn zu sehen glaubte, z. B. bei dem Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg. Er hatte in seiner Schrift, „daß Jesus Christus ein geborener Jude sei", die Juden nicht geradezu beschützt, aber ihr Alter und ihren Glauben dadurch ehrwürdig zu machen gesucht, daß er den nicht wegzuleugnenden nahen Zusammenhang zwischen dem göttlich verehrten Stifter seiner Religion und dem Judenthum hervorhob. Aber er hatte sich der Erwartung hingegeben, wenn er ihr auch nicht ausdrücklich Worte lieh, die Juden würden nun in hellen Haufen zum Christenthum übergehen. Da er sich in seiner Erwartung getäuscht fand und überdies persönliche Anlässe zu heftiger Erbitterung zu haben meinte, so trat er in überaus erregter Weise gegen die Juden auf, gab, gefragt und ungefragt, sein Gutachten dahin ab, daß man dem deutschen Lande und dem christlichen Glauben nichts Ersprießlicheres thun könne, als die Juden zu vertreiben und faßte den ganzen Ingrimm, dessen seine hassensstarke Natur fähig war, in der Schrift: „Von den Juden und ihren Lügen" zusammen. ^) Die Juden erscheinen in dieser Schrift in entsetzlichster Schilderung; ihre Leiden werden als gerechte Strafe für ihre Bosheit bezeichnet. Alle unerwiesnen Anschuldigungen, die von Judenfeinden vergangener Jahrhunderte vorgebracht und bis in unsere Tage wiederholt worden sind: die im Talmud angeblich gebotene Feindschaft gegen die Christen, und erlaubte Schädigung und Betrügerei Vgl. die bibliographischen Verzeichnisse bei Pöcking, Opera Luttsvi, supplem. vol. II p. 55 ff. und Goedeke, Grundriß I- S. 451—454. 2) Vgl. die gleich anzuführende Schrift „Badstub" und G. Nigrinus, Judenfeind S. XXVI. Er nennt freilich nur Victor von Carcon (sio) und verschweigt unter den am Anfang aufgeführten Autoritäten Pfefferkorns Namen ganz. 2) Gemeint ist die Schrift „Mifsive warumb die Juden so lang im ellend sind". Theilweiser Abdruck der Schrift bei Böcking a. a. O. I, 177—179; über dieselbe m. Reuchlin, S. 206 ff. über Reuchlins Stellung zu den Juden das. S. 162 ff. 4) Vgl. meine Zusammenstellung in A. Geigers jüd. Zeitschr. V, S. 23—32, das. S. 233. 5) Die Schrift erschien deutsch 1543. Sie wurde 1545 von Justus Jonas ins Lateinische übersetzt. Die deutsche Schrift ist mehrfach aufgelegt und in alle Ausgaben der Werke Luthers aufgenommen worden. — Eine Analyse bei Grätz, Geschichte der Juden IX, 366 ff.