Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 321 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 321 Grunde. Als er wieder im Jahre 1298 von ähnlichen Ausschreitungen, von Verfolgungen und Niedermetzelungen in verschiedenen bairischen Städten zu berichten hat, als er erzählt, daß einzelne Städte, Landesfürsten, ja der Kaiser ohnmächtig sind gegen diese Entfesselung eines wilden Sturms, da muß er, um diese Erscheinung sich zu erklären, eine göttliche Mitwirkung annehmen: Irava äivinara Lul8se neeesse est. Er schildert, wie die Juden sich mit all ihrer Habe, mit ihren sämmtlichen Angehörigen dem Feuer überantworteten; er nennt ein derartiges Verfahren Hartnäckigkeit, aber mir kommt vor, als wenn sich in seinen Worten, in dem ganzen Ton seiner Darstellung eine gewisse Achtung vor der stillen Duldergröße dieser Märtyrer, eine Ahnung ihres Heldenmuthes bemerkbar machte. ^) III. Daß geschichtliche Ereignisse, in denen die Juden als Verbrecher galten, für die Beschuldigten ungünstig aufgefaßt wurden, daß Geschichtschreiber, welche von diesen und ähnlichen Vorgängen und Anschuldigungen zu berichten hatten, die Anklagen als erwiesen annahmen, darf nicht Wunder nehmen zu einer Zeit, in welcher das allgemeine Vorurtheil sich gegen die Juden richtete. Das allgemeine Vorurtheil aber nicht nur in der Weise und in dem Grade, wie es auch fast zu allen Zeiten des deutschen Mittelalters geherrscht hatte, sondern in weit höherm Maße, genährt durch die Angriffe fanatischer Schriftsteller. Der literarische Kampf gegen die Juden in Deutschland beginnt ziemlich am Anfange des Jahrhunderts. 2) Dieser Kampf wird eingeleitet — und eine derartige Erscheinung findet sich zu häufig, um wunderbar zu erscheinen — von zwei Renegaten, Johann Pfefferkorn und Victor von Karben, die ihre neuen Glaubensgenossen dadurch zu gewinnen suchen, daß sie ihre alten verlästern. Die wider die Juden gerichteten Bestrebungen hängen aber — und dieser Umstand ist wohl bemerkenswerther — zeitlich und ursächlich mit dem Wiedererwachen der hebräischen Sprachstudien zusammen. Wie in Italien zur Zeit der Renaissance neben der begeisterten stürmischen Aneignung der griechischen Sprache und Literatur eine Abneigung gegen die Griechen einherging, so entwickelte sich in Deutschland, wenn auch nicht ausschließlich, doch in höherm Grade als in anderen Ländern, trotz der wahrhaft entzückten Hinneigung zur hebräischen Sprache ein Widerwille gegen die Juden. Es scheint, als schämten sich die Völker ihrer Liebe und ihrer Begeisterungsfähigkeit, als wollten sie sich für die Entäußerung ihres nationalen Wesens, wie sie sich ja in der Lobpreisung und in der Annahme einer fremden Cultur kundgibt, schadlos halten durch eine verstärkte Betonung eben dieser Nationalität gegen die Eindringlinge, 1) Werke III, 374. Die Stelle, welche den im Text angeführten lateinischen Worten unmittelbar vorangeht, lautet: viri athue koemiuas odLtirmti8sim0 auimo, eum parvis lidsris eum redu8 et suppelleetüs omni, ue uaee a ekriLtiariis eoeupareutur, illi saoris nostris lustrsreutur iu medium se iueeucZium mittuut. 2) S. Exkurs 1.